Zur Zeit feiert ganz Uppsala den Geburtstag eines seinerberühmtesten Söhne, Karl von Linné, dem Begründer der systematischen Botanik. Zu diesem Anlaß gibt es über mehrere Wochen jede Menge Aktivitäten in Uppsalas Parks und botanischen Gärten, sowie in Linnés Landsitz Hammarby und in den Naturreservaten im Umland.
Ein Tulpenmeer im botanischen Garten. Im Hintergrund ein Stand vom Pflanzenflohmark und ein paar der Steine von Prinzessin Estelles eigenem "Berg".
Gestern waren wir bei schönstem Vorsommerwetter im botanischen Garten, haben die Blumenpracht genossen, Prinzessin Estelles "Berg" (einen imposanten Steingarten mit Pflanzen aus den Bergen Skandinaviens) bewundert, ein paar Pflanzen auf dem Flohmarkt erstanden und uns eine Vorführung zum Anlegen eines Steingartens angeschaut.
Trotz meiner eher amatörhaften Gärtnerkünste fühle ich mich jetzt auf jeden Fall etwas besser informiert, wie es mit meiner Steinmauer weitergehen soll.
Heute haben wir unser altes Auto gegen ein neues eingetauscht. Nun ja, nicht wirklich getauscht und nicht wirklich neu. Der Neue ist auch ein Octavia. Aber natürlich jünger, von 2008, und mit nur 68000 km. Gekauft haben wir ihn in Västerås, eine Stunde Fahrt von hier, von einem Gebrauchtwagenhändler, der unseren alten in Zahlung genommen hat. Der Händler hat auch gleich Ummeldung und Versicherung für uns geregelt. Das Kennzeichen behalten Autos in Schweden ja ihr Leben lang. Also war der Autotausch ziemlich einfach. Ist aber schon ein bisschen komisch, daß jetzt kein blaues Auto mehr vorm Haus steht, sondern ein graues. Und ein bisschen wehmütig wird einem auch. Gleichzeitig ist es aber auch schön, ein neues Auto zu haben.
Nach mehr als 4 Jahren in Schweden habe ich so einiges über die schwedische Kultur gelernt, was aber nicht heißt, daß ich mich in allen Dingen angepaßt habe. Hier meine garantiert nicht vollständige Liste der Dinge, die mich als Nichtschwedin kennzeichnen:
Ich verweigere mich der fika-Tradition. Auch wenn es schön ist, sich mit einem Kaffee und einer Zimtschnecke (kanelbullar) ein Weilchen gemütlich hinzusetzen und mit Kollegen zu schnacken, kann ich mich einfach nicht zweimal am Tag für eine halbe Stunde und zu festen Zeiten von meiner Arbeit losreißen. Das sind teilweise die Zeiten, an denen ich am besten arbeiten kann. Vielleicht weil mich dann keiner stört, weil alle beim fika sind. Jedenfalls vergesse ich aber immernoch, daß alle anderem dem Diktat des fika unterworfen sind, und habe doch tatsächlich, impertinent wie ich bin versucht, um 10 Uhr einen Termin mit einer der Sekretärinnen auszumachen. Sowas von unschwedisch von mir!
Ich trage habe ein Temperaturempfinden in meinen Beinen. Schwedische Mädchen scheinen an partieller Amnesie zu leiden, wenn sie morgens vor dem Kleiderschrank stehen. Jedenfalls vergessen sie sehr häufig, sich untenrum etwas anderes als Unterwäsche anzuziehen. Selbst bei Minusgraden müssen Strumpfhosen reichen. Bibber!
Ich verbringe nicht jede mögliche Minute mit Sonnenbaden. Schweden sind ganz offensichtlich Sonnenanbeter und beginnen schon früh im Jahr damit, möglichst viel ihrer Haut, ungeschützt der Sonne auszusetzen. Schweden laufen, ohne sich zu schämen, mit einem fetten Sonnenbrand rum. Das Ziel ist, möglichst braun zu werden. Entsprechend sieht ihre Haut dann auch später aus. Ohne mich!
Ich telefoniere nicht beim Autofahren. Schweden ist das einzige europäische Land, in dem es immernoch nicht verboten ist, beim Autofahren zu telefonieren oder SMS zu schreiben. Mal abgesehen davon, daß Schweden ohnehin lausige Autofahrer sind, verspüren sie offensichtlich den Drang, jemanden anzurufen oder jemandem zu texten, sobald sie den Zündschlüssel umdrehen. Und glaubt mir, man merkt deutlich, daß vor einem jemand fährt, der telefoniert.
Ich schrecke nicht vor Konflikten zurück. Schweden sind in allen Fragen stets bemüht, einen Konsensus zu finden. Dafür wird schonmal stundenlang alles durchdiskutiert. Wenn sich dann eine mögliche Einigung abzeichnet, halten die, die grundsetzlich dagegen sind, den Mund. Keine sehr effektive Methode auf Dauer, wenn Ihr mich fragt.
Für mich stehen Leistung und Effektivität im Vordergrund, während es für Schweden wichtiger ist, sich auf Arbeit wohlzufühlen und möglichst viele Pausen und Urlaub zu machen. Ein Beispiel: Meine schwedischen Studenten bekommen die Aufgabe, quer über eine Insel die Gesteine zu kartieren und um 13 Uhr ihre Ergebnisse zu zeigen. Gegen 12 sind die meisten etwa 500 m vor dem anderen Ufer der Insel. Doch statt die Sache durchzuziehen, machen sie erst einmal Mittagspause. Ich hab noch unzählige Beispiele dieser Sorte, will mich aber an dieser Stelle nicht zu sehr aufregen. Jedenfalls kommt die skandinavische Gelassenheit nicht von irgendwo. Manchmal sollte ich mir wohl ein Stück davon abschneiden.
OK, mehr Punkte fallen mir jetzt gerade nicht ein. Die Liste sollte auf keinen Fall so rüberkommen, daß ich von den Schweden genervt bin. Ich weiß es zu schätzen, wir gut wir es hier haben. Bestimmte Züge der Deutschen gehen mir wesentlich mehr auf die Nerven. Die Deutschen sind nur viel weiter weg.
Jetzt wo die Tage rapide kürzer werden und es draußen ungemütlich wird, ist es an der Zeit, es sich drinnen extra gemütlich zu machen. Im Schwedischen gibt es das Wort mysig, was angenehm und gemütlich bedeutet. Es sich am Freitagabend mit Chips vor dem Fernseher gemütlich machen, nennt der Schwede fredagsmys. Sich an dunklen Herbsttagen drinnen einzukringeln bezeichnet er als höstmys.
Für mein höstmys habe ich heute neue Kissenbezüge genäht, nachdem ich endlich den perfekten Stoff passend zur Wohnzimmereinrichtung gefunden habe. Jetzt bin ich bereit für den Herbst.
Daß der Sommer in Schweden heilig ist, ist kein Geheimnis und wurde hier ja auch schon ausführlich dargelegt. Jedenfalls führt diese Sommerverehrung dazu, daß nach den Sommerferien die große Depression einsetzt. Doch mittlerweile habe ich eine interessante Entdeckung gemacht.
Unter der Oberfläche bekennen sich doch so einige Schweden dazu, daß sie erleichtert sind, daß der Sommer vorbei ist. Endlich ist es abends zu dunkel, um rausgehen zu müssen. Endlich gibt es (demnächst) auch mal wieder ein regnerisches Wochenende, an dem man es sich auf dem Sofa vor dem Fernseher gemütlich machen kann. Endlich gibt es wieder deftiges Essen, das nicht vom Grill kommt. Endlich wieder richtige Pullover, Jacken und Mützen.
Offensichtlich beinhaltet das zwanghafte Genießen des Sommers doch einiges an Stress. Nur gut, daß jetzt Herbst ist (wenn auch mit Temperaturen über 20ºC).
Heute vor 4 Jahren bin ich nach Schweden gekommen!
Gewöhnlich philosophiere ich ja zu meinem Jahrestagen immer, was sich seit dem Anfang und seit dem letzten Jubiläum so ereignet hat. Nach einem Jahr fühlte ich mich noch immer, als stände ich am Anfang. Nach zwei Jahren fand ich mich einigermaßen zurecht. Nach drei Jahren fühlte ich mich hier zu Hause. Was kann sich da nach einem weiteren Jahr schon noch getan haben?
Der wahrscheinlich größte Unterschied zum letzten Mal ist wohl, daß ich in meinem eigenen Haus sitze und blogge. Das ist schon ein riesiger Schritt. Und rein arbeitstechnisch habe ich mich recht gut eingefunden in meine Stelle, die seit letztem September ja auch teilweise eine Führungsrolle im Institut beinhaltet. Beides, das eigene Haus und meine Arbeit, hat irgendwie dazu geführt, daß ich näher als je zuvor am Eingang zur schwedischen Kultur stehe.
Ich bilde mir ganz und gar nicht ein, daß ich tatsächlich einen echten Einblick habe. Bisher habe ich wirklich nur beobachtet. Ich kenne wenige Schweden privat, und es fehlt mir einfach an einem Hund oder Kind, um wirklich Kontakt aufnehmen zu können. Trotzdem habe ich im letzten Jahr noch einmal wahnsinnige Fortschritte beim schwedisch Sprechen gemacht. Ich kann jetzt richtig small talk halten. Vor einer halben Stunde habe ich doch tatsächlich mit unserer Nachbarin geredet, sie überredet unsere Katzen zu füttern und ihr beim Stachelbeeren pflücken geholfen. Das ist für mich ein Meilenstein der Kontaktaufnahme. Mittlerweile sind schwedische Konversationen um mich herum oder im Radio auch nicht mehr nur Hintergrundrauschen.
Vielleicht wird Jahr 5 ja das Jahr der echten Kontaktaufnahme. Wer weiß? Ich bin gespannt.
Wenn man mich fragt, was das Leben in Schweden am meisten bestimmt, so würde ich sagen: die Jahreszeiten. Natürlich hat auch Deutschland recht ausgeprägte Jahreszeiten. Das sollte ich in den 27 Jahren, die ich in Deutschland gelebt habe, mitbekommen haben. Doch der Unterschied zwischen Sommer und Winter ist hier in Schweden wesentlich krasser und eben so extrem, daß Schweden im Winter tatsächlich eine vollständig andere Welt ist als Schweden im Sommer.
Letzten Freitag beim Grillen mit Freunden am Mälaren.
Die Schweden selbst haben deshalb sogar eine eigene Bezeichnung für ihr Land im Sommer: sommarsverige (Sommerschweden), und dieses Wort beschreibt neben dem Wetter, der Vegetation und der Länge der Tage auch die Kultur, Ernährung, Verhalten und den Tagesablauf.
Ich habe ja bereits des Öfteren darüber berichtet, daß Schweden im Sommer so ziemlich lahmliegt, und das betrifft jeden Bereich des Lebens von der Arbeit bis zu Dienstleistungen. Selbst die Post trägt manche Wochen nur jeden zweiten Tag Briefe aus. Man sollte es einfach vergessen, irgendetwas repariert oder bearbeitet zu bekommen. Das führt nur zu Frust. Stattdessen muß man sich einfach auf einen sehr viel langsameren Takt des Alltagslebens einstellen, wenn man wie wir nicht 6 Wochen lang im Urlaub ist.
Nach fast 4 Jahren hier fange ich auch langsam an, die Schweden in ihrer Einstellung zum Sommer zu verstehen. Der Winter ist hier einfach die längste Jahreszeit. Nicht selten liegt 6 Monate lang Schnee. Dann gibt es jeweils Monate vor und nach dem Winter, in denen es noch oder schon zu kalt ist für die Vegetation, was letztendlich Mai bis September übrig läßt für Aktivitäten im Grünen und Mitte Juni bis Ende August für die Chance auf richtigen Sommer. Insofern kann ich die Sommersehnsucht und das Gefühl, der Sommer wäre zu kurz, sehr gut verstehen.
Hinzukommt die mentale Blockade, die alles betrifft, was mit Sommer zutun hat. Als Schwede hat man die Pflicht, den Sommer in vollen Zügen zu genießen, was beinhaltet, sich in sein Sommerhaus im Wald oder an der Küste zurückzuziehen, möglichst viel Sonne abzubekommen und mit den Kindern die 2monatigen Sommerferien zu genießen. 2 Wochen Urlaub, was bei uns schon viel ist, werden von meinen schwedischen Kollegen nicht mal ernstgenommen. 4 bis 6 Wochen sind normal. Diese totale Verweigerung der Wirklichkeit führt bei uns auf Arbeit dazu, daß nur noch Einwanderer in ihren Büros sitzen und zur Mittagspause alle zusammen aus allen Abteilungen an einen Tisch im Innenhof passen. Das ist mitunter sehr gemütlich und lustig. Letzten Freitag hatten wir uns mit drei Freunden zum Grillen am See verabredet. Letztendlich waren wir dann aber um die 20 sozial vernachlässigte Einwanderer, die sich zu einer spontanen Grillparty zusammenfanden :-)
Nun ja, man muß sommarsverige hinnehmen und das Beste daraus machen!
Dieses Jahr haben wir gleich zweimal eine Mittsommerfeier besucht: eine am Freitag zum midsommarafton und eine heute am mitdsommardagen, eine komplett authentische bei uns im Dorf und eine etwas touristische im Freilichtmuseum Disa Gården in Gamla Uppsala mit unserem Besuch aus Norwegen.
In Disa Gården waren wir ja vorher schon zweimal zum midsommarafton, letztes Jahr und vor drei Jahren. Beide Male waren schön, aber es ist dort schon sehr sehr voll. Dieses Mal war etwas Besonderes, da normalerweise am Samstag nicht um die Mittsommerstange getanzt wird. Das wird vom örtlichen Traditionsverein für die Touristen nochmal wiederholt, was sich gut trifft, wenn man die Feierlichkeiten am Freitag verpaßt hat wie unser Besuch. Zudem werden die Tänze auch ein bißchen mehr erklärt.
Wir waren am Freitag Nachmittag zur Feier auf dem Sportplatz in unserem Dorf. Dort waren wir erstmal überrascht, wieviele Leute hier im Einzugsgebiet so wohnen. Es waren bei dem herrlichen Sommerwetter bestimmt 400 Leute gekommen, um zu picknicken, um die midsommarstång zu tanzen, Oldtimer zu bestaunen, Luftgewehr zu schießen, an der Schnitzeljagd teilzunehmen, Tombolalose zu kaufen und in der Sonne zu sitzen. Was wie immer auffiel, waren die vielen Kinder. Wir waren in unserem Alter wohl die einzigen ohne. Unter Nachwuchsproblemen leidet unser Dorf jedenfalls nicht. Ansonsten war diese Mittsommerfeier sehr viel authetischer: Zu Anfang wurde die midsommarstång von in Trachten gekleideten Frauen und Mädchen herangetragen und aufgestellt. Dann wurde die Nationalhymne gesungen (das erste Mal, daß ich sie gehört habe). Die Lieder und Tänze wurden nur angesagt, alle wissen, was gesungen und getanzt wird. Mittlerweile erkenne ich auch die meisten Lieder und verstehe, wovon sie handeln, sofern sie einen logischen Text haben.
Der feuchtfröhliche Teil von Mittsommer, der in der IKEA-Werbung angedeutet wird, findet übrigens abends beim Grillen zu Hause statt und kann sich in einer Mittsommernacht schonmal ziemlich lange hinziehen. Es wird schließlich nicht dunkel.
Mir fiel gerade auf, daß ich in diesem Monat erst einmal was gepostet habe. Das ist doch sonst gar nicht meine Art. Ich schiebe das jetzt mal darauf, daß hier in Schweden mit dem Beginn der allgemeinen Stilllegung des Landes ab Mittsommer natürlich auch eine gewisse Geschäftigkeit verbunden ist. Dinge müssen schnell zuendegebracht, Kursnoten eingereicht, Arbeiten abgegeben, Halbjahresbuchführungen durchgerechnet und Paper eingereicht werden. All das bringt es mit sich, wenn man einfach mal ein ganzes Land für 10 Wochen zum Stillstand bringt.
Ich habe deshalb die letzten Wochen eine Menge Meetings gehabt, Bachelor- und Masterstudenten betreut, Kursnoten zusammengestellt, an diversen Papern gearbeitet, Umzugspläne für unser Institut geschmiedet und Geländearbeit geplant. Irgendwie hält einen der Sommeranfang selbst dann auf Trab, wenn man nicht den ganzen Sommer Urlaub macht.
Aber jetzt machen wir tatsächlich Urlaub: Ab Montag gehts 2 Wochen nach Nordnorwegen!
Augenblicklich befinden wir uns hier in Schweden, zumindest in unserer Gegend, gerade in einem Teil des Vorsommers, den man "zwischen Traubenkirsche und Flieder" (mellan hägg och syren) nennt. Beide Pflanzen blühen mit einem Abstand von ungefähr einer Woche, und um diese Zeit findet dieer explosionsartige Wechsel von Frühling auf Sommer statt, in der alles innerhalb kürzester Zeit grün wird und blüht.
Das Sprichwort mellan hägg och syren handelt im Prinzip davon, daß man in dieser Zeit die Arbeit ruhen lassen soll, um den Frühling zu genießen, und geht darauf zurück, daß Handwerksmeister in der Vergangenheit tatsächlich ihre Werkstättet geschlossen haben, um diese Zeit nicht zu verpassen.
Gerade nach diesem langen Winter kann ich das gut nachvollziehen.
Am Freitag Abend fandt die Doktorfeier einer guten Freundin statt, die ein halbes Jahr vor mir hierher nach Uppsala gekommen ist. Sie gehört also wirklich zu meiner internationalen Familie hier, und es ist ein bißchen schockierend, wie schnell die Zeit doch vergangen ist.
Während ich an anderer Stelle schon berichtet habe, wie hier eine typische Verteidigung aussieht, ist es jetzt wohl an der Zeit, mal eine schwedische Doktorfeier zu beschreiben, oder besser eine internationale Adaption einer schwedischen Doktorfeier - meine Freundin ist Katalonierin.
Im Allgemeinen sind Doktorfeiern hier wesentlich formalisierter und finden am Abend der Verteidigung statt. Der Doktorand lädt am Tag des spikning zur Feier ein. Gäste müssen dann ca. 300 Kronen als Beitrag für Essen und Getränke bezahlen. Der Doktorand organisiert einen Ort, wo die Party stattfindet, sowie Essen und Getränke. Nicht nur aufgrund der hohen Preise für Alkohol deckt der Gastbeitrag die Kosten für die Feier eigentlich nicht mal im Ansatz. Für die Organisation der Party holt sich der Doktorand dann Hilfe von einem oder zwei Masters of ceremony (MC), die auch dafür sorgen, daß während der Party alles glatt läuft und daß sich der frisch gebackene Doktor auf Gäste und Programm konzentrieren kann.
Die Party selbst ist im Prinzip erst einmal ein recht formelles Abendessen. Man trägt Abendgarderobe und die Tische sind festlich dekoriert. Eine wichtige Institution während jeder Doktorfeier sind kurze Ansprachen. Der Opponent, die anderen Kommitteemitglieder, Familienmitglieder, Freunde, der Betreuer und jeder, der sich berufen fühlt, kann beim MC Bescheid sagen, der dann für Aufmerksamkeit sorgt und den Redner ankündigt. Der toastet dann dem Doktoranden zu, erzählt eine Anekdote oder überreicht ein Geschenk. Hier ist es üblich, daß sich Doktorand und Doktorvater beschenken. Außerdem organisieren auch die Freunde ein Geschenk, das im Laufe des Abends übberreicht wird.
Da sich in Schweden wahrscheinlich niemand amüsieren würde, gibt es noch eine wichtige Tradition, die auf keiner Doktorfeier fehlen darf: das Singen. Neben dem MC gibt es auch noch einen songmaster, der ein Heftchen mit Liedtexten zusammenstellt. Hin und wieder kündigt der songmaster dann an, welches Lied gesungen wird und stimmt es an. Die ganze Festgesellschaft singt mit und prostet sich dann am Ende zu. Die meisten Lieder sind nämlich Trinklieder.
Außerdem gibt es ein Lied, daß nach jeder Rede gesungen wird. Es ist eine Art Frage- und Artwortspiel zwischen dem Redner und den Zuhörern und läuft natürlich auch auf Trinken hinaus (ich hab leider nur den Schlager bei youtube gefunden, und der ist niemandem zuzumuten).
In unserer internationalen Adaption einer schwedischen Doktorfeier gab es natürlich verschiedenste Lieder, u.a. ein katalonisches und ein slowakisches. Außerdem hatten wir uns ein T-Shirt designt, daß wir alle anhatten und dann unserer Freundin geschenkt haben. Es gab ein Spiel, bei dem sie Cocktails erraten mußte. Und einen Vulkankuchen (kommt im nächsten Post). Die Spiele sind immer auf die jeweilige Person zugeschnitten. Wir hatten schon mal ein "Rate den Pfannkuchen"-Spiel, bei dem die Doktorin Pfannkuchenvariationen aus den zehn Ländern erraten mußte, in denen sie während der Doktorarbeit war. Wir hatten einen flashmob mit einstudierter Choreographie, verschiedene Quizze. Dabei ist natürlich ein großer Teil des Spaßes, all das im Geheimen vorzubereiten und dann während der Feier damit zu überraschen.
Alles in allem ist eine schwedische Doktorfeier also ziemlich anders als in Deutschland.
Spätestens seit dem Eurovision Song Contest dieses Jahr verwechselt keiner mehr Schweden mit der Schweiz (eine Verwechslung, die laut den Schweden häufig vorkommt). Ich habe dieses Mal nur teilweise mitgeschaut, den besten Teil habe ich jedoch gesehen: das smörgåsbord*-Ballett, bei dem die Gastgeberin Petra Mede 6 Minuten lang Clichés über Schweden vortanzt. Grund genug, mal ein paar davon aufzugreifen.
Tanzende Elche. das Aushängeschild Schwedens, König des Waldes, der mit seiner absonderlichen Anatomie in dichter besiedelten Gegenden der Welt eindeutig keine Chance hätte.
Recycling im Blut. Früher dachte ich immer, die Deutschen wären pendantisch mit dem Müll trennen. Die Schweden setzen dem ganzen echt die Krone auf: zehn verschiedene Behälter für z.B. Hartplastik, weiches Plastik und Karton, sind meist nicht einmal genug.
Den Regeln folgen und Schlange stehen. In Schweden ist wirklich alles sehr organisiert. In dier Schlange vordrängeln gibt es nicht. Nur die Zettel mit den Nummern, wann man dran ist, die es wirklich überall gibt, wurden nicht besungen.
Bloß keine Emotionen zeigen. Die kühlen Schweden sind schon etwas zurückhaltend, was die Zurschaustellung von Gefühlen angeht, aber so furchtbar anders als Norddeutsche sind sie ehrlich gesagt nicht.
Im Bus bloß mit niemandem reden! Das stimmt allerdings. Da kam ich mir in Deutschland im Bud schon komisch vor, als mir jemand mit dem Gepäck geholfen hat.
Blonde Bikiniträgerinnen unter der Mitternachtssonne. Schweden sind Sonnenanbeter, alle miteinander. Und sie zeigen Haut, sobald das Thermometer mehr als -10°C zeigt. Schutz vor Sonnenbrand ist bei den blonden Schweden verpönt. Man könnte ja nicht braun genug werden, bevor der Winter wieder anfängt.
Pipi Langstrumpf. Angeblich eine Vorreiterin der modernen schwedischen Frauenbewegung.
Wikinger vs. stillende Papas. Angeblich durften ja schon die Wikinger nur so richtig die Sau rauslassen, wenn sie auf ihren Raubzügen unterwegs waren, während zu Hause die Frauen die Hosen anhatten. Heute sind die Männer die Raubzüge los, schieben artig Kinderwägen, übernehmen ihren Teil der 18 Monte Elternzeit und sind auch sonst die perfekten Hausfrauen, nur stillen können sie noch nicht.
Die Frauen haben die Bälle/Eier. Nicht nur im Frauenfußball.
Mittsommer. Das wichtigste schwedische Fest überhaupt.
Homoehe. Ein sehr politisches Statement für einen Eurovision Song Contest, aber eindeutig nicht gelogen für Schweden: Homosexualität ist deutlich akzeptierter als in Deutschland.
Köttbullar mit einem Hauch von Pferd. Bloß eine kleine Anspielung.
Milchprodukte. Ja, essen die Schweden viel.
Ansonsten müssen natürlich ABBA, IKEA, Volvo, eine frühere ESC-Gewinnerin und so einige weitere Kleinigkeiten wenigstens kurz erwähnt werden.
*smörgåsbord = setzt sich aus smörgås = belegtes Butterbrot und bord = Tisch zusammen, bezeichnet wörtlich eine Art Buffet mit belegen Broten, Lachs, Hering usw., hat aber als Begriff für ein reichhaltiges Angebot verschiedener Dinge/Möglichkeiten/etc. seinen Eingang in die englische Sprache gefunden.
Es überrascht mich gerade etwas, daß ich tatsächlich noch nichts über die schwedische Steuererklärung geschrieben habe. Dabei ist sie wirklich eine der Kategorien, bei denen Schweden Deutschland echt noch was beibringen kann. Als ich noch in Deutschland lebte, war die Steuererklärung immer ein traumatisches Erlebnis, daß ich nur höchst widerwillig jedes Jahr aufs neue auf mich nahm. Ich denke, das muß ich an dieser Stelle nicht weiter erklären. Im Gegensatz dazu funktioniert die Steuererklärung in Schweden folgendermaßen:
Mitte März bekommt man als Arbeitnehmer einen Brief vom Finanzamt/Einwohnermeldeamt. Dieser Brief enthält das Formular für die Steuererklärung (deklaration) sowie ein Heftchen mit genauen Erklärungen zu jedem Punkt im Formular. Freundlicherweise ist das Formular sogar schon ausgefüllt. Lohn, Lohnsteuer, Zinsen von Sparkonten, Altervorsorgeschnickschnack und von der Steuer absetzbare Handwerkerdienste stehen alle schon drin! Und die Summe, die man zurückbekommt, steht auch schon drunter. Wenn man zu diesem Zeitpunkt zufrieden ist, kann man das ganze abschicken. Dazu hat man folgende Möglichkeiten: SMS, Telefon, App, Brief, Internet und was weiß ich, wie noch. Falls man noch etwas ändern oder hinzufügen möchte, kann man dies natürlich online tun. Und so haben mich zwei Steuererklärungen inklusive Ausrechnen und Einfüllen meiner Fahrkosten zur Arbeit heute etwa 10 min gekostet. Manchmal ist es toll, in Schweden zu leben.
Viele der schwedischen Feiertagstraditionen stammen aus dem deutschen Raum, zum Beispiel der Weihnachtsbaum. Auch die Ostertraditionen ähneln den deutschen. Doch es gibt da ein paar interessante Unterschiede, wenn es um das schwedische påsk im Vergleich zum deutschen Osterfest geht.
Hexen statt Hasen
Das Symbol des Osterhasen findet man hier höchstens in Form eines Lind-Schokoladenosterhasen. Der Hase ist als Ostersymbol eindeutig nicht so verbreitet in Schweden. Stattdessen fielen mir am Gründonnerstag die vielen als Hexe verkleideten Kinder auf, die mit Kopftuch und rot gemalten Wangen überall herumsprangen. Nach etwas Recherche habe ich herausgefunden, daß sich die Kinder als påstkärring oder Osterhexe verkleidet hatten. Angeblich gehen diese kleinen Hexen in ihrer Nachbarschaft ganz ähnlich wie beim amerikanischen Halloween von Tür zu Tür und bieten selbstgemalte Bilder gegen Süßigkeiten zum Tausch an.
Federn statt Blüten
Den typischen Anblick des deutschen Vorgartens mit blühenden Forsythienbüschen voller Plastikeier oder bemalter ausgeblasener Eierschalen sucht man in Schweden vergebens. Zum einen blüht hier noch rein gar nichts. Nicht einmal die Krokusse haben es geschafft dieses Jahr. Und statt Eierdeko sind die Spitzen der Büsche mit bunten Federn geschmückt. Was es damit auf sich hat, ist mir ein Rätsel. Als wir am Samstag bei unserem französichen Freund zum Kaffee waren, fragte ich kurzerhand seinen 9jährigen in Schweden aufgewachsenen Sohn. Der erklärte mir: Ist doch klar. Die Federn kommen von den Hühnern!
Godis, Påsköl und Påskmust
Natürlich gibt es auch in Schweden typische Spezialitäten, die es nur zu Ostern gibt. So sind zum Beispiel die Supermärkte gerade voll mit Ostersüßigkeiten: Marzipaneier, Schokoeier usw. Es gibt auch solche ungefähr straußeneigroßen bunten Pappeier aus zwei Hälften, die mit Süßigkeiten gefüllt sind. påsköl ist ein Bier und påskmust eine Art Faßbrause, die es beide nur zu Ostern gibt. Das traditionelle Osteressen ist übrigens wie in Deutschland auch Lamm.
Das war es mit Ostern aber für dieses Jahr auch schon wieder. Die Schulkinder haben zwar diese Woche noch Ferien, aber ich muß morgen wieder auf Arbeit.
Auf Teil 1 folgt hier die Fortsetzung meines persönlichen "Wie deutsch bin ich noch?"-Tests inspiriert von dieser Wesite.
7. Bilde Dich weiter. Daß Bildung wertvoll ist, ist auch in Schweden eine bekannte Tatsache. Die Schweden sind übrigens Weltmeister im Belegen von Volkshochschulkursen nach der Arbeitszeit. Und auch ansonsten ist Bildung wichtig. Eine Universitätsausbildung ist für schwedische und europäische Bürger kostenfrei. Bafög gibt es hier für alle schwedischen Studenten unabhängig vom Einkommen der Eltern. Nach dreieinhalb Jahren Einblick in die schwedische Universitätsausbildung und den Standard schwedischen Studentenwissens muß ich aber leider sagen: die schwedische Schul- und Universitätsausbildung ist eine Schande. Teilweise liegt das daran, daß es wichtiger ist, die Pausenzeiten einzuhalten und darauf zu achten, daß sich auch alle wohlfühlen, als daß es um Disziplin und Wissensvermittlung geht. Was meine Bildung angeht, seit ich nach Schweden gekommen bin, so kann ich aber nicht behaupten, daß ich faul gewesen wäre. Ich habe immerhin zwei Schwedischkurse der Kommune und zwei Pädagogikkurse der Uni. Zur Zeit mache ich einen Kurs für Führungskräfte und nehme auch weiterhin von der Uni bezahlten Schwedischunterricht.
8. Nur bei grün über die Ampel gehen. Da bin ich noch immer gehorsam, was aber wohl daran liegt, daß sich die meisten hier an die Ampelmännchen halten. Schwedische Autofahrer halten übrigens an Zebrastreifen.
9. Trink Bubbelwasser und Apfelschorle. Dieser Punkt ist ein klares britisches Cliché, weil man in Großbritannien nämlich die Freuden der Kohlensäure nicht zu schätzen weiß (siehe warmes Bier). Hier in Schweden gibt es hauptsächlich Mineralwasser mit Sprudel in allen nur erdenklichen Geschmacksrichtungen. Schorle ist nicht so verbreitet, kann aber zum Glück selbst hergestellt werden. Ein kohlensäurehaltiges Getränk, das ich übrigens erst hier in Schweden zu schätzen gelernt habe, ist Apfelcider. Das liegt weniger am schwedischen Cider (der ist süß wie Limonade und teuer), sondern an einem Hobby, das sich hier aufgrund vorhandener Apfelbäume ergeben hat: Cider selbst herstellen.
10. Iß deutsches Essen! Sorry, aber dieser Punkt wird länger. Wenn es ums Essen geht, wird man nämlich erst im Ausland so richtig deutsch - und ich meine nicht die Malletouristen, die im Urlaub ihr Schnitzel und ihre Pommes brauchen. Doch wer schonmal sechs Wochen im Ausland war, der versteht wenigstens ein wenig, daß man bestimmte Lebensmittel von zu Hause einfach vermißt. Wenn man auswandert, wird die Liste ziemlich lang. Und lustigerweise finden sich auf der Liste aller Deutschen im Ausland ziemlich ähnliche Sachen: Platz 1 ist immer Brot!!! Andere Lebensmittel auf der Liste sind Bier, thüringer Bratwurst, Lebkuchen, Laugenbretzeln, Bockwurst (warum fallen mir so viele Fleischsachen ein?), Gummibärchen, deutscher Kaffee (Kaffeepads!!!). In Schweden hat man definitiv den Vorteil, daß sich viele Sachen irgendwie und irgendwo beschaffen lassen. Eine wichtige Rolle dabei spielt Lidl, ein Supermarkt den ich in Deutschland nicht gern besucht habe, der hier aber die einzige Quelle für authentische Weihnachtssüßigkeiten und Laugenbretzeln ist. Deutsches Bier ist zu traurig hohen Preisen bei systembolaget zu haben. Wir haben auch einen Markt gefunden, der deutsche Bockwurst im Glas verkauft. Die Schweden entdecken sogar langsam das Sauerteigbrot, wenn sie auch nicht verstanden haben, daß Hefe nichts in einem ordentlichen Brot zu suchen hat.
Eigentlich wollte ich schon eine Ewigkeit einen Post zu diesem Thema schreiben. Eine irische Freundin hat diese Webseite von einem deutschen Kollegen in Schottland geschickt bekommen, und mußte sie natürlich mit uns Deutschen hier auf Arbeit teilen. Die Seite beschreibt aus der Sicht eines in Deutschland lebenden Engländers 20 einfache Schritte, wie man Deutscher werden kann (also mental und verhaltensmäßig). Die Beschreibung ist herrlich clichébehaftet, aber wie so oft, haben Clichés ja auch einen wahren Kern. Deshalb erfreut sich diese Seite auch extremer Beliebtheit, und die Liste ist mittlerweile auf 25 angewachsen.
Doch an dieser Stelle, kommt bei mir die Frage auf: Wie deutsch bin ich denn noch nach dreieinhalb Jahren in Schweden? Dazu muß man sagen, daß einige der Punkte auf der Liste auch typisch für Schweden sind. Andererseits tendiert man als Auswanderer dazu, bestimmte clichéartige Eigenarten zu entwickeln. Also zur Liste:
Trag immer deine Hausschuhe! Ich weiß nicht, was daran komisch ist. In Schweden zieht man (wie in Deutschland) immer die Straßenschuhe aus, wenn man in eine Wohnung kommt.
Frühstücke lange! Aufgrund eines Mangels an Bäckern in diesem Land gibt es zum Sonntagsfrühstück leider nur Aufbackbrötchen, aber dafür auch mindestens 5 verschiedene selbst gemacht Marmeladen (ein Hobby, das sich erst hier ergeben hat). Die Schweden sind übrigens große Frühstücker. Meine Doktorandin kocht jeden Morgen ihren Haferschleim mit Früchten.
Planung ist alles! Ja, Deutsche tendieren dazu, Dinge zu planen und zu optimieren. Dafür haben sie im Ausland den Ruf, gründlich, pünktlich und zuverlässig zu sein. Auch wenn ich dafür eine Menge Gegenbeispiele kenne, ist schon was dran am Cliché der deutschen Tugenden. In Schweden fällt das vor allem in der Werbung für Autos, Reifen und Maschinen auf. Ich sag nur: Das Auto!
Für alles eine Versicherung! In Schweden kommt mir das Versicherungssystem unkomplizierter vor als in Deutschland. Vielleicht klingen aber auf schwedisch die Beschreibungen einfach weniger gefährlich und kompliziert.
Sei immer passend gekleidet! Angeblich tragen Deutsche immer Outdoorklamotten, um für jedes Wetter gerüstet zu sein. Tatsache ist, daß Outdoorklamotten seit ein paar Jahren in Mode sind. In Schweden wie in Deutschland ist es ganz normal, mit Regenjacke herumzurennen. Deutsche erkennt man übrigens in Schweden wie auch überall sonst an Jack Wolfskin-Klamotten und Deuter-Rucksäcken. Übrigens ist passende Kleidung für Mädchen in Schweden bei Temperaturen über -15°C ein kaum erkennbarer Minirock.
Sprich deutsch! Seit ich in Schweden lebe, nehmen mein Ausdrucksvermögen und mein Wortschatz der deutschen Sprache rapide ab. Und es fällt mir immer schwerer, es zu verbergen.
Seit etwa vorgestern hat sich der Winter eingestellt, und zwar als ob jemand einen Schalter umgelegt hätte. Plötzlich ist es draußen weiß und kalt, einfach fantastisch! Denn mit dem Schnee ist endlich die Dunkelheit besiegt. Ach, war das heute morgen schön mit Schnee und Sonnenschein vor dem Fenster aufzuwachen.
Ein bisschen Schnee schieben musste schon sein, schließlich müssen wir ab Montag Kisten aus dem Haus, dem Gästehaus, dem Holzschuppen und aus der Garage ins Auto schleppen. Trotzdem war heute Mittag noch Zeit bei einem Abschiedsspaziergang durch unser "Dorf" ein paar Sonnenstrahlen zu tanken. Winter kann echt schön sein, auch wenn's heute Nacht gleich bis -22°C abkühlen soll.
Ach so, noch ein Nachtrag zum Thema Dunkelheit besiegen: In Nordschweden haben die öffentlichen Verkehrsbetriebe Lichttherapielampen in die Bushaltestellen und die Busse eingebaut. Wenn das mal nicht ne tolle Idee ist.
Heute war der erste Tag, an dem ich mich wirklich nach November gefühlt
habe. Das ist tatsächlich verhältnismäßig spät, was wohl an der Südafrikareise
und gelegentlichen sonnigen Tagen hier liegen mag. Doch langsam geht es
mir in diesem schlimmsten aller Monate in Schweden etwas auf die Nerven, daß es so dunkel und grau ist.
So ergeht es wohl nicht nur mir. Deshalb wurde zum Beispiel im Zentrum von Uppsala ein "Lichtspaziergang" eingerichtet, ein Pfad aus Lichtinstallationen an verschiedenen Stellen in der Stadt. Und auch die normalen Uppsalenser und Landbewohner können es kaum noch erwarten, daß sie am 1. Advent die Weihnachtsbeleuchtung anbringen dürfen und erliegen glücklicherweise vielerorts der Versuchung.
Lichtspiele am Fluß.
Und noch eine Lichtinstallation: Geister an der Islandbrücke.
Auch wenn der Sommer bisher eher zu wünschen übrig läßt, gibt es einen Lichtblick bei all dem Regen und den mittelmäßigen Temperaturen: dieses Jahr ist ein perfektes Bären-, äh Beerenjahr. Wir erinnern uns: auf schwedisch heißen Beeren bär. Es gibt momentan jede Menge riesengroße Blaubeeren im Wald. Außerdem sind im Garten die Johannisbeeren und die Stachelbeeren reif. Zum ersten Mal gibt es auch nennenswerte Mengen an Himbeeren, die in den letzten Jahren eigentlich immer vertrocknet sind. Einen Grund zum Meckern gibt's aber doch schon wieder, wenn auch mit Augenzwinkern: alles wird gleichzeitig reif! Also muß alles gleichzeitig geerntet und verarbeitet werden.
Blaubeeren, Himbeeren, Stachelbeeren und Johannisbeeren und eine leicht genervt guckende Katze.
So haben wir auch jetzt schon einige Stunden im Wald und im Garten mit Beerenpflücken verbracht. Im Falle der Blaubeeren gibt es da zum Gluck ein sehr hilfreiches Instrument, das hier in Schweden in keiner Blaubeersaison fehlen darf: der bärplockare (Beerenpflücker), eine Art Kamm, mit dem man die Blaubeeren aus den Büschen kämmen kann, ohne die Beeren zu zerquetschen und der Pflanze dabei zu schaden. Damit geht das Ernten echt einigermaßen schnell. dann braucht man noch ein spezielles Sieb, um die Blätter auszusieben und schon hat man seine Blaubeeren geputzt.
sommarstängt, für den Sommer geschlossen, ist wohl das Motto für diesen Monat. Das tägliche Leben ist zum Erliegen gekomment, und selbst der Sommer hat irgendwie geschlossen. Auf Arbeit sieht man außer den unfreiwillig diensthabenden Sekretärinnen, die die meiste Zeit über Kaffeepause machen, eigentlich nur Nicht-Schweden. Auf dem Weg zur Arbeit sieht man eher niemanden und im Supermarkt nur fremde Gesichter an der Kasse - Studenten, die hier in den Ferien arbeiten. Mit unserem Auto hatten wir nochmal Glück: unsere Werkstatt hat im Gegensatz zu allen anderen Werkstätten im Land wenigstens an 3 Tagen pro Woche geöffnet.
Irgendwie kann man sich da nur wundern, wie die schwedische Wirtschaft diesen 2monatigen Stillstand überleben kann. Die beste Antwort bisher ist: Weil alle (na ja fast alle) mitmachen.
Und so ist das Leben ruhig und fließt zähflüssig wie Sirup dahin. Das ist irgendwie ja auch angenehm, denn endlich kommen mal nicht 50 sondern vielleicht nur 5 Emails pro Tag an. Es gibt in Schweden auch keine Lehrveranstaltungen während des Sommers. Und meine Studenten sind auch gerade alle fertig bzw. im Urlaub. So kann ich mich wirklich mal um meine Wissenschaft kümmern, Manuskripte zusammenschreiben und über zukünftige Forschung und Lehre nachdenken. Arbeiten, wenn andere Urlaub machen.
Schön wäre es aber trotzdem, wenn es draußen ein bißchen sommerlicherer wäre. Dann hätte man auch mal was von den langen, hellen Tagen außer schlaflosen Nächten.
Unsere Haussuche ist gerade auch in eine unfreiwillige Sommerpause eingetreten. Es kommen einfach kaum neue Häuser rein. Das letzte Haus, das wir besichtigen wollten, wurde noch dazu schon vorher unter der Hand verkauft.
Morgen entfliehen wir dann aber für ein paar Tage dem schwedischen Sommervakuum: es geht zur Hochzeit unserer besten, ehemals göttinger Freunde nach Deutschland. Hier und da wird noch der ein oder andere Besuch bei Familie und Freunden und eine Kaffeepadeinkaufsorgie dazwischengeschoben. Und Montag Abend geht's auch schon wieder zurück in die Ruhe und Abgeschiedenheit der schwedischen Heimat.