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Sonntag, 6. Oktober 2013

Woran man erkennt, daß ich nicht schwedisch bin

Nach mehr als 4 Jahren in Schweden habe ich so einiges über die schwedische Kultur gelernt, was aber nicht heißt, daß ich mich in allen Dingen angepaßt habe. Hier meine garantiert nicht vollständige Liste der  Dinge, die mich als Nichtschwedin kennzeichnen:
  1. Ich verweigere mich der fika-Tradition. Auch wenn es schön ist, sich mit einem Kaffee und einer Zimtschnecke (kanelbullar) ein Weilchen gemütlich hinzusetzen und mit Kollegen zu schnacken, kann ich mich einfach nicht zweimal am Tag für eine halbe Stunde und zu festen Zeiten von meiner Arbeit losreißen. Das sind teilweise die Zeiten, an denen ich am besten arbeiten kann. Vielleicht weil mich dann keiner stört, weil alle beim fika sind. Jedenfalls vergesse ich aber immernoch, daß alle anderem dem Diktat des fika unterworfen sind, und habe doch tatsächlich, impertinent wie ich bin versucht, um 10 Uhr einen Termin mit einer der Sekretärinnen auszumachen. Sowas von unschwedisch von mir!
  2. Ich trage habe ein Temperaturempfinden in meinen Beinen. Schwedische Mädchen scheinen an partieller Amnesie zu leiden, wenn sie morgens vor dem Kleiderschrank stehen. Jedenfalls vergessen sie sehr häufig, sich untenrum etwas anderes als Unterwäsche anzuziehen. Selbst bei Minusgraden müssen Strumpfhosen reichen. Bibber!
  3. Ich verbringe nicht jede mögliche Minute mit Sonnenbaden. Schweden sind ganz offensichtlich Sonnenanbeter und beginnen schon früh im Jahr damit, möglichst viel ihrer Haut, ungeschützt der Sonne auszusetzen. Schweden laufen, ohne sich zu schämen, mit einem fetten Sonnenbrand rum. Das Ziel ist, möglichst braun zu werden. Entsprechend sieht ihre Haut dann auch später aus. Ohne mich!
  4. Ich telefoniere nicht beim Autofahren. Schweden ist das einzige europäische Land, in dem es immernoch nicht verboten ist, beim Autofahren zu telefonieren oder SMS zu schreiben. Mal abgesehen davon, daß Schweden ohnehin lausige Autofahrer sind, verspüren sie offensichtlich den Drang, jemanden anzurufen oder jemandem zu texten, sobald sie den Zündschlüssel umdrehen. Und glaubt mir, man merkt deutlich, daß vor einem jemand fährt, der telefoniert.
  5. Ich schrecke nicht vor Konflikten zurück. Schweden sind in allen Fragen stets bemüht, einen Konsensus zu finden. Dafür wird schonmal stundenlang alles durchdiskutiert. Wenn sich dann eine mögliche Einigung abzeichnet, halten die, die grundsetzlich dagegen sind, den Mund. Keine sehr effektive Methode auf Dauer, wenn Ihr mich fragt.
  6. Für mich stehen Leistung und Effektivität im Vordergrund, während es für Schweden wichtiger ist, sich auf Arbeit wohlzufühlen und möglichst viele Pausen und Urlaub zu machen. Ein Beispiel: Meine schwedischen Studenten bekommen die Aufgabe, quer über eine Insel die Gesteine zu kartieren und um 13 Uhr ihre Ergebnisse zu zeigen. Gegen 12 sind die meisten etwa 500 m vor dem anderen Ufer der Insel. Doch statt die Sache durchzuziehen, machen sie erst einmal Mittagspause. Ich hab noch unzählige Beispiele dieser Sorte, will mich aber an dieser Stelle nicht zu sehr aufregen. Jedenfalls kommt die skandinavische Gelassenheit nicht von irgendwo. Manchmal sollte ich mir wohl ein Stück davon abschneiden.
OK, mehr Punkte fallen mir jetzt gerade nicht ein. Die Liste sollte auf keinen Fall so rüberkommen, daß ich von den Schweden genervt bin. Ich weiß es zu schätzen, wir gut wir es hier haben. Bestimmte Züge der Deutschen gehen mir wesentlich mehr auf die Nerven. Die Deutschen sind nur viel weiter weg.

Samstag, 3. August 2013

4 Jahre Schweden

Heute vor 4 Jahren bin ich nach Schweden gekommen! 
 
Gewöhnlich philosophiere ich ja zu meinem Jahrestagen immer, was sich seit dem Anfang und seit dem letzten Jubiläum so ereignet hat. Nach einem Jahr fühlte ich mich noch immer, als stände ich am Anfang. Nach zwei Jahren fand ich mich einigermaßen zurecht. Nach drei Jahren fühlte ich mich hier zu Hause. Was kann sich da nach einem weiteren Jahr schon noch getan haben?

Der wahrscheinlich größte Unterschied zum letzten Mal ist wohl, daß ich in meinem eigenen Haus sitze und blogge. Das ist schon ein riesiger Schritt. Und rein arbeitstechnisch habe ich mich recht gut eingefunden in meine Stelle, die seit letztem September ja auch teilweise eine Führungsrolle im Institut beinhaltet. Beides, das eigene Haus und meine Arbeit, hat irgendwie dazu geführt, daß ich näher als je zuvor am Eingang zur schwedischen Kultur stehe. 
 
Ich bilde mir ganz und gar nicht ein, daß ich tatsächlich einen echten Einblick habe. Bisher habe ich wirklich nur beobachtet. Ich kenne wenige Schweden privat, und es fehlt mir einfach an einem Hund oder Kind, um wirklich Kontakt aufnehmen zu können. Trotzdem habe ich im letzten Jahr noch einmal wahnsinnige Fortschritte beim schwedisch Sprechen gemacht. Ich kann jetzt richtig small talk halten. Vor einer halben Stunde habe ich doch tatsächlich mit unserer Nachbarin geredet, sie überredet unsere Katzen zu füttern und ihr beim Stachelbeeren pflücken geholfen. Das ist für mich ein Meilenstein der Kontaktaufnahme. Mittlerweile sind schwedische Konversationen um mich herum oder im Radio auch nicht mehr nur Hintergrundrauschen. 
 
Vielleicht wird Jahr 5 ja das Jahr der echten Kontaktaufnahme. Wer weiß? Ich bin gespannt.

Freitag, 3. August 2012

3 Jahre Schweden!

Fast hätte ich es vergessen, aber heute ist doch tatsächlich mein 3jähriges Schwedenjubiläum! Es ist kaum zu glauben, daß schon so viel Zeit vergangen ist, seit ich damals mit meinem großen Rucksack, Laptop und Handgepäck in Uppsala ankam und am Institut erst einmal vor verschlossenen Türen stand. Damals war mir eine Stelle für 1 Jahr angeboten worden. Ich wußte weder, wo ich an dem Abend schlafen würde, noch ob ich in dem Jahr Geld für eine weitere Anstellung auftreiben könnte. Das war schon ein echt großes Abenteuer, vielleicht das Abenteuer meines Lebens, und das will schon was heißen!

Heute, 3 Jahre später, bin ich immer noch hier. Laut Auswanderersendungen im Fernsehen kann man ja nach einem Jahr behaupten, es geschafft zu haben. Und ich würde schon behaupten, daß das Abenteuer Auswandern geschafft ist. Aus dem Abenteuer ist Alltag geworden, aus dem fremden Land zu Hause. Ich spreche mittlerweile fließend schwedisch. Wir wissen, wo und wie wir Dinge des täglichen Lebens bekommen. Und im großen und ganzen kommen wir gut zurecht.

Ansonsten heißt das aber nicht, daß sich so gar nichts mehr tut. Vor einem Jahr wußte ich nicht, wie es Ende August mit meiner Stelle weitergehen würde. Heute habe ich eine feste Stelle und ein 4jähriges Forschungsprojekt. Wir sehen uns nach einem Haus um. Und ich versuche, mit meinen neuen Pflichten als Lektorin klarzukommen. Das Leben ist also durchaus noch aufregend, wenn auch aus anderen Gründen. Bin gespannt, was sich in Jahr 4 so alles tut.

Sonntag, 14. August 2011

2 Jahre Schweden

Als ich in Island war, habe ich doch glatt mein 2jähriges Schwedenjubiläum verpaßt. Deshalb an dieser Stelle eine Gedenksekunde. ...

Das zweite Jahr in einem neuen Land ist eindeutig weniger aufregend als das erste. Alles ist einigermaßen bekannt. Man ist mit den wesentlichen Überlebensregeln vertraut, findet sich im Alltag zurecht und weiß, wo es langgeht, solange sich alles in geregelten Bahnen bewegt. Das führt dazu, daß man im Gegensatz zu den ersten Monaten viel entspannter ist und nicht ständig in gleichem Maße auf der Hut sein muß. Mit anderen Worten: Man hat endlich auch mal genug Sicherheit, nach vorn zu schauen.

Natürlich bekommt man mit mehr und mehr Einblick auch einen Eindruck davon, was nicht so gut läuft und was einen nervt. Ein solches Beispiel ist die Bürokratie, die aber meiner Ansicht nach in Deutschland trotzdem sehr viel schlimmer ist, als in Schweden. Ich denke, es gibt keinen Ort der Welt, an dem man nicht nach einiger Zeit etwas auszusetzen findet. Entscheidend ist die Gesamtzufriedenheit des Lebens an einem Ort, und die ist für mich in Schweden auf jeden Fall größer als in Deutschland.

In meinem Blogeintrag zum ersten Jahr in Schweden hatte ich mir für das zweite Jahr vorgenommen, mein Schwedisch zu verbessern und Kontakt zu "richtigen" Schweden aufzunehmen. Ersteres habe ich dank Einzelunterricht auf  Arbeit ganz gut geschafft. Ich lerne zwar weiterhin, aber ich bin zufrieden mit meinem Fortschritt. Eine echte Freundschaft mit einem Schweden oder einer Schwedin habe ich jedoch noch nicht aufgebaut. Die einzigen Schweden, mit denen ich näheren Kontakt habe, kenne ich nach wie vor von der Arbeit, weshalb wir meistens englisch sprechen. Aber die Geländearbeit mit der neuen schwedischen Doktorandin in Island war schonmal ein Schritt in die richtige Richtung. Und für das dritte Jahr muß ja auch noch was zu tun bleiben.

Apropos drittes Jahr: Ich bin gespannt, was es so bringt.
Und wie schon nach meiner Ankunft und nach einem Jahr in Schweden kann ich auch nach zwei Jahren sagen: Ich lebe noch, es geht mir gut, Schweden ist schön!

Sonntag, 8. Mai 2011

Wo Schweden moderner ist als Deutschland - Teil 2: Steuererklärung

Teil 2 der "Serie" darüber, warum Schweden moderner ist als Deutschland handelt von der Steuererklärung = stattdeklarering.
Zwischen dem 15. März und dem 15. April jeden Jahres bekommt jeder Erwerbstätige in Schweden seine Steuererklärung zugesandt. Diese enthält bereits alle Angaben des Arbeitgebers wie Einkommen und gezahlte Steuern. In unserem Län (Bundesland) zahlt man übrigens 31,7% Steuern. Steuerklassen gibt es in der Form nicht. Es macht also keinen Unterschied, ob man verheiratet ist, Kinder hat oder was in Deutschland sonst alles auf die Steuerklasse Einfluß hat. Lediglich bei hohen Einkünften zahlt man mehr Steuern. 
Hat man nichts weiter anzugeben, was dazu führen könnte, daß man mehr von den gezahlten Steuern zurückbekommt (Nebeneinkünfte aus Zinsen etc., Kredite, Dienstreisen, usw.), kann man seine Steuererklärung abschicken. Dazu kann man folgende Wege nutzen: 
  1. Man kann die Steuererklärung per Post an das skatteverket (Finanzamt/Einwohnermeldeamt) schicken oder sie vor Ort in den Briefkasten werfen.
  2. Man kann sich mit der mitgelieferten Verifikationsnummer online einloggen, dort seine Angaben ergänzen und bestätigen.
  3. Man kann seine Steuererklärung auf dem smartphone mit einer App erledigen.
  4. Man kann seine Steuer an der Telefonhotline erklären.
  5. Man kann eine SMS ans skatteverket schicken.
Im Vergleich zu Deutschland ist das Verfahren also wesentlich unkomplizierter. Ich habe dieses Jahr meine Kosten für den Weg zur Arbeit angegeben, da sie 900 SEK (ca. 90 €) überstiegen. Inklusive ausrechnen, was ich angebe, habe ich für meine Steuererklärung 5 Minuten gebraucht. In Deutschland habe ich Stunden gesessen, Belege geordnet, Belege kopiert, Belege gesucht, über Fachchinesisch in der Steuersoftware gerätselt, die Nerven meiner Mutter strapaziert und alles dann umständlich beim Finanzamt abgegeben. Da ist das schwedische System eine echte Erleichterung.

Wo Schweden moderner ist als Deutschland - Teil 1: TÜV

Ich habe ja schon mehrfach berichtet, wie transparent die schwedische Gesellschaft dank Personennummer und Autokennzeichen ist. Das ist mitunter etwas beängstigend. Manchmal hat es aber auch deutliche Vorteile im Vergleich zum deutschen System, wenn es um Service geht. Es folgen ein paar Beispiele.

1. TÜV = bilprovningen
Der TÜV ist in Schweden für jedes Auto einmal pro Jahr fällig und beinhaltet wie in Deutschland auch eine allgemeine Kontrolle des Fahrzeugs inklusive Abgasmessung. Die Untersuchung sollte in den letzten 3 Monaten des Kontrolljahres stattfinden, d.h. im Falle meines Autos zwischen Februar und Mai. Im Januar kommt bereits ein Brief mit einem vorgeschlagenen Termin, den man aber nicht akzeptieren muß. Stattdessen kann man einfach auf die Homepage der bilprovning gehen und sich dort mit seinem Autokennzeichen und der Personennummer einloggen. Dann sieht man alle Details zu seinem Auto, auch wann es zum TÜV muß. Zudem kann man einen TÜV-Termin buchen, indem man eine TÜV-Station seiner Wahl auswählt und sich die freien Termine im gewünschten Zeitraum anzeigen läßt. An diesen Termin kann man sich im Voraus per SMS und/oder Email erinnern lassen. 
Dieses Jahr war es leider schwer, einen Termin im festgelegten Zeitrahmen zu bekommen. Doch dafür gibt es die Option der Warteliste. Man wählt einen Tag aus, an dem man auf der Warteliste stehen möchte, am besten einen, an dem nur wenige andere mit einem warten, daß ein anderer seinen Termin absagt. Das habe ich z.B. an einem Freitag für den darauf folgenden Montag gemacht. Am Samstag kam dann eine SMS, die sagte: "Am Montag um 13:30 ist ein Termin frei geworden. Antworte mit dem Wort "buchen" auf diese SMS, und der Termin gehört Dir." Das hab ich gemacht, und schwups kam eine SMS "Du hast am Montag um 13:30 einen Termin zum TÜV."
Vor Ort geht dann alles genauso unkompliziert weiter: Man parkt sein Auto vor einem der Tore mit den darüberhängenden Anzeigetafeln, meldet sich auf dem Touchscreen im Empfangsraum mit seinem Autokennzeichen an, setzt sich wieder ins Auto und wartet, daß das Kennzeichen auf einer der Anzeigetafeln erscheint, sodaß man reinfahren kann. Bei der Untersuchung kann man dabeibleiben, kostenlosen Kaffee trinken und Fragen stellen, wenn man möchte.
Unser Auto ist dieses Mal leider nicht durchgekommen, weil die hinteren Bremsen ungleich stark sind. Am nächsten Donnerstag haben wir aber einen Werkstatt-Termin, bei dem das behoben wird, und dann gehts nochmal zur Nachkontrolle beim TÜV. Übrigens kostet der reguläre TÜV nur 300 SEK (ca. 30 €), die Nachkontrolle dann nur noch 200 SEK. Da tut es nicht ganz so weh, wenn man durchfällt.

Weitere Beispiele, warum Schweden moderner ist als Deutschland, folgen in Kürze hier.

Donnerstag, 17. März 2011

Eurovision 2011 - diesmal wieder ohne Schweden

Der Eurovision Song Contest ist in Schweden sowas wie die jährliche Fußball-Europameisterschaft, das absolut wichtigste Fernsehereignis des Jahres, auf das man sich monatelang mit den eigenen Vorausscheiden vorbereitet. Verständlicherweise war das Ausscheiden der letztjährigen Teilnehmerin für Schweden beim Halbfinale. Das war ein Schlag für die schwedische Abba-Seele, ein kollektives Trauma, auf das man aber - typisch schwedisch - mit Selbstreflexion statt Wut reagierte.

Umso verwunderlicher, daß man (eine Jury und das Fernsehpublikum) in diesem Jahr einen derartigen Schrottbeitrag aufergewählt hat. Der Sänger, Erik Saade, ist letztes Jahr auf Platz 3 gelandet und durfte zum Trost die schwedischen Punkte nach Oslo schicken. Schon letztes Jahr war sein Lied "ManBoy" eine typische Ein-Mann-Boygroup-Pop-Nummer. Das diesjährige Lied, "Popular" ist aber leider noch furchtbarer, sozusagen eine Karikatur des letztjährigen, also eine Ein-Mann-Boygroup-Pop-Nummer-Karikatur. Da kann Dieter Bohlen bessere Lieder schreiben!

Glücklicherweise steht Schwedens Beitrag jetzt mit allen anderen auf der offiziellen Website des Eurovision Song Kontest, und zwar hier. Bitte, tut es Euch an, einmal nur. Und dann sagt mir, was Ihr davon haltet. Meiner Meinung nach, wird Schweden im Halbfinale hochkant rausfliegen. Wenn alle Lieder so furchtbar sind, hat Lena ja vielleicht doch eine Chance.

Kleine, unnütze Seiteninformation: Die Fähnchen, die im Publikum bei Erik Saades Auftritt geschwenkt werden, sind übrigens nicht schwedisch, sondern åländisch. Vielleicht waren es ja die Åländingar, die sich heimlich im Namen Finnlands gegen Schweden verschworen haben, schnell mit der Fähre nach Stockholm gekommen sind und für den schlimmsten Kandidaten angerufen haben.

Freitag, 25. Februar 2011

Schwedisierung

Wenn man einen Neuanfang wagt und auswandert, gibt es verschiedene Phasen der Eingewöhnung und Anpassung. Inwieweit jeder einzelne davon betroffen ist, hängt natürlich von einer ganzen Reihe von Faktoren ab, wie z.B. ob man weit wegzieht, wie anders die neue Kultur im Vergleich zur eigenen ist, ob man allein auswandert, wo man wohnt und arbeitet, von den Erwartungen, die man an das neue Leben knüpft, und natürlich von der eigenen Persönlichkeit.

Mein Ziel, als ich nach Schweden gegangen bin, war nicht unbedingt, ein vollständig assimilierter Teil der schwedischen Gesellschaft zu werden. Aber erleben, wie das Leben in Schweden so ist, wollte ich schon.  Ein wichtiger Schritt war natürlich, schwedisch zu lernen, auch wenn es nicht absolut notwendig ist, weil fast jeder englisch spricht. Aber schwedisch zu lernen, war mir von Anfang an wichtig, und das habe ich auch einigermaßen geschafft, was den alltäglichen Umgang z.B mit Papierkram erleichtert. Was die soziale Integration angeht, habe ich, bedingt durch meine Arbeit, hauptsächlich mit anderen Ausländern zutun. Die sind einfach in der gleichen Situation wie ich und deshalb aufgeschlossen und hilfsbereit, sodaß wir alle wie eine große Familie sind. Im Gegensatz dazu ist es schwierig, mit Schweden Freundschaft zu schließen. Die bleiben trotz freundlichen Umgangs auf Arbeit privat unter sich. "Wie lernt man Schweden persönlich kennen?" ist bei meinen Freunden und mir ein häufig diskutiertes Thema, für das wir noch keine zufriedenstellenden Antworten gefunden haben.

Abgesehen von der zwischenmenschlichen Anpassung an Schweden macht man kulturell natürlich mit, was sich so an Gelegenheiten bietet. Dazu gehören nicht nur Feste, sondern auch typisches Essen (ich sag nur surströmming).

Doch so ein paar Dinge habe ich mir bisher immer für Deutschland aufgehoben. Doch da ich ja mitunter monatelang nicht nach Deutschland komme, muß ich diese wohl oder übel angehen. Ob das einfacher wird, als mit einem Schweden Freundschaft zu schließen, wird sich herausstellen. Ich werde berichten.

Donnerstag, 2. Dezember 2010

Gesellschaftsstudien beim Shopping

Heute war ich hier in Göttingen in der Innenstadt einkaufen. Göttingen ist zwar eine kleine Stadt, aber ich mochte schon immer die kleinen Gassen mit winzigen Läden, von denen man sich fragt, wie sie sich überhaupt halten können. Trotz Kälte und Schnee war die Stadt voller Menschen. Das Gänseliesel ist vom Weihnachtmarkt umringt, und die Leute schlürfen fröhlich Glühwein. Heute Abend hole auch ich mir meinen alljährlichen Becher und nehme eine Tasse mit der JAhreszahl 2010 drauf (übrigens dann die 10. in meiner Sammlung) mit.

Auch ich habe mich einem nostalgischen Stadtbummel ergeben, war bei meinem alten Friseur, im ein oder anderen Geschäft und hab einen Cappucchino neben der Johanniskirche getrunken. Bis auf die normale Fluktuation von Imbissen (der Trend geht eindeutig zu gesundem Slowfood und weg von Fastfood) und die Eröffnung eines großen Thalia Buchladens ist die Innenstadt noch genau so, wie ich sie in Erinnerung habe.

Als ich im Karstadt war hat mir außerdem eine alte Dame entrüstet mitgeteilt, daß sie denkt, daß die kleinen Wollknäule viel zu teuer sind. Das würde einem in Schweden, glaube ich, nicht passieren. Dort sprechen einen Fremde auf keinen Fall an.

Ein Freund von mir aus Frankreich war übrigens im Sommer hier und hat sich das Gänseliesel angeschaut, in der besten Eisdiele der Stadt (Claudio) ein Eis gegessen und dem Glockenspiel gegenüber gelauscht. Er bestätigt, daß Göttingen durchaus eine Reise wert ist.

Mittwoch, 1. Dezember 2010

Im exotischen Süden

Augenblicklich befinde ich mich im warmen Süden. Warm ist natürlich relativ, denn zu Hause waren es letzte Nacht -25°C. Da ist es in Göttingen mit -9°C geradezu angenehm warm. Nach 15,5 Stunden und etwa 1300 km Autofahrt sind wir gestern Abend wohlbehalten angekommen.
 
Auf der Fahrt fallen einem dann schon mal ein paar ungewohnte Dinge auf. Zum Beispiel:
  • Je weiter man nach Süden kommt, umso aggressiver werden die Autofahrer.
  • In Deutschland kommt man nicht gerade gut mit Schneefall klar, der in Schweden eigentlich jeden kalt läßt.
  • An die Verkehrsdichte auf deutschen Autobahnen und in deutschen Städten muß man sich erst wieder gewöhnen.
  • Benzin wird nach Süden auch exorbitant teurer. In Schweden kostet der Liter 95 Oktan 12,6 SEK (ca. 1,30 €). Hier haben wir heute für 1,429 € den Liter getankt.
  • Es ist ein schönes Gefühl, wenn man in eine Stadt zurückkommt, in der man die Kassiererin erkennt, wenn man kurz in den real huscht, um eine Zahnbürste zu kaufen.
Heute ging es dann auf der alten Arbeit erstmal daran, alle alten Kollegen und Freunde zu besuchen, Neuigkeiten auszutauschen und sich darüber zu wundern, wie vertraut doch alles noch ist. Die Erkenntnis bisher: In Göttingen ist noch alles beim Alten - im Guten wie im Schlechten.

Dienstag, 23. November 2010

1980/2010 oder: Bin ich langsam zu alt für Mode?

Gerade komme ich von einem kurzen aber intensiven Shoppingtrip mit 3 Freundinnen in der Innenstadt Uppsalas zurück. Wir hatten eine Mission: Am Samstag gehen wir alle zu einer 80er-Jahre-Party! 
Abgesehen von Kindheitserinnerungen bietet sich als Quelle der Inspiration für die Kleidung natürlich Google an. Bei den Ergebnissen dort  fragt man sich durchaus, ob Leute vor 20 bis 30 Jahren wirklich so rumgelaufen sind. Wäre ich nicht selbst dabei gewesen, würde ich es nicht glauben. Allerdings sind die Bildergebnisse für Suchbegriffe wie "80er Mode Madonna" durchaus inspirierend. 
Was ist also typisch 80er? Hochtupierte Haare mit einer Menge Haarspray und Stirnband, Nietenhals- und armbänder, bis zur Unkenntlichkeit ausgeblichene Jeanshosen, -jacken, -westen, Strumphosen oder Leggins in allen erdenklichen Farben und Mustern, Stulpen, Glitzer und Blingbling, Kleider, die oben anliegend und unten fluffig sind, dicke Plastikbrillen, Farben, die mit neon- anfangen und auf pink, türkis, etc. enden.......

Wir sind also heute nach der Arbeit losgezogen, um im Second-Hand-Laden ein paar Sachen zu finden. Der war überraschend ergiebig. Hab ein schwarzes, durchaus tragbares Kleid mit Tüllunterrock erstanden, die anderen glitzernde Tops und sowas. Dann gings weiter in "richtige" Geschäfte, die heutige Mode verkaufen sollten. Erster Stopp war Glitter (sowas wie Bijou Brigit), ein Modeschmuckladen. Und da kann einen wirklich der Schlag treffen, wenn man nicht vorbereitet ist auf (wie der Name schon sagt) GLITTER. Dort gibt es wirlich nur Blingbling in allen Farben. Und das Größte: Alles, wirklich alles ist 80er-tauglich! Für die Party habe ich Plastikohrstecker, einen Haarreifen mit Stoffblume, eine 8fache Glitzerperlenkette und Spitzenhandschuhe erstanden. Schön und gut für ne Party, aber wer kauft solche Sachen im Ernst?! Offensichtlich gibt es genug Käufer, denn sonst würde sich so ein Laden ja nicht halten.

Nächster Stopp: Schuhladen. Alles voller 80er-tauglicher Schuhe mit goldenen Nieten! Aber zu teuer, um sie nur für eine Party zu kaufen. Ich komme aus dem Wundern nicht mehr raus, daß es wirklich Leute gibt, die sowas kaufen und sogar tragen.

Die nächsten 2 Stopps kann man gemeinsam abhandeln: Cubus und H&M, beides Klamottenläden voll mit 80er-tauglichen Klamotten. Dort haben wir vor allem nach Leggins und Stulpen gesucht. Und das ist absolut nicht schwer. Es gibt sie in allen Farben, selbst pink in verschiedenen Tönen,. Eine davon habe ich erworben, zusammen mit grauen Stulpen (wie zurückhaltend!). Trotzdem habe ich mich noch nicht an den Gedanken gewöhnt, daß es Leute gibt, die sowas tatsächlich tragen, ohne daß sie dafür bezahlt werden.

Fazit: Die Mode der 80er Jahre ist zurück in all ihrer Häßlichkeit. Die heutigen Träger sind wahrscheinlich zu jung, sich an die 80er zu erinnern, sonst könnte man ja vermuten, daß das Modebewußtsein sind insgesamt weiter- und nicht zurückentwickelt. Für mich ist es jedenfalls zu früh für ein Revival.

Montag, 1. November 2010

Ein Monat Depression

Der November ist da und damit der schlimmste Monat des ganzen Jahres. Das sagen alle. Schon als ich letztes Jahr im August hier ankam, mußte ich mir anhören, wie schlimm es doch im November werden würde. Von mehreren Seiten wurde mir empfohlen, Schweden im November zu verlassen, wenn das möglich ist.

Der November letztes Jahr war tatsächlich ein schlimmer Monat, mein schlimmster Monat überhaupt. Im Allgemeinen ist das Wetter hier im November ähnlich wie in Deutschland: grau, kalt, naß. Dazu kommt hier noch dunkel. Nach der Zeitumstellung wird einem das so richtig bewußt. Letztes Jahr hatten wir hier keine 12 Sonnenstuden im November. Und selbst wenn mal die Sonne scheint, hat man nicht viel davon, da mal ja zu der Zeit arbeitet. Schnee gibt es meist auch noch nicht dauerhaft, und die bunten Blätter an den Bäumen sind seit Wochen schon zu einer braunen Masse auf den Gehwegen geworden.

Das schlägt aufs Gemüt. Und so laufen die Leute deutlich grimmiger durch die Gegend, sind schneller gestreßt und weniger gesellig.

Für mich persönlich war der letzte November wirklich furchtbar: Ich saß allein in einem kalten Haus ohne Möbel (mit nur wenigen Lampen) und ohne Bad. Dann gab es da noch die ihrerseits extrem anstrengende Katzenüberführung, sowie den Umzug in der letzten Novemberwoche. Da hätte ich einen mehrwöchigen Urlaub in der Sonne gut gebrauchen können.

Da ist es natürlich verständlich, daß ich nicht die allerhöchsten Erwartungen an den November habe. Aber mal ehrlich, es kann dieses Jahr nur besser werden!

Freitag, 1. Oktober 2010

Hejdå 50-Öre!

Ab heute gibt es in Schweden keine Öremünzen mehr. Öre sind die kleinere Einheit von Kronen, 100 Öre sind 1 Krone. Zwar werden sie virtuell weiter existieren, aber die letzte Öremünze, die kupferfarbene 50-Öremünze hat ab heute ihre Gültigkeit als Zahlungsmittel verloren. Fortan wird im Bargeldverkehr immer auf volle Kronen gerundet.
Ein lustiges Video über eine einsame 50-Öremünze, die jetzt in Pension geht und nichts mehr zutun hat, sowie eine Reise durch die Zeit mit Infos wann man wieviel für 50 Öre kaufen konnte, gibts auf http://www.50oringenforsvinner.nu/ Übrigens gibt es in Zukunft neue 2-Kronenmünzen, sowie 200-Kronenscheine. Warum auch immer.

Die ganze Aktion ist nur ein weiterer Schritt zur Abschaffung des Bargeldes generell. In Uppsala wurde in diesem Monat ürbigens dazu aufgerufen, bargeldlos zu leben. Das ist durchaus möglich hier. Hier die Website der Kampagne.

Freitag, 24. September 2010

Schon wieder Politik

Eigentlich interessiere ich mich ja so gar nicht für Politik. Wirklich nicht. Aber momentan ist der Ausgang der Wahl ein ziemlich viel diskutiertes Thema. Wie ich ja gestern bemerkte, ist die Wahlstatistik veröffentlicht worden. Diese ist sehr ausführlich mit Ergebnissen in Prozent und Zahlen für jedes einzelne Wahlbüro. So auch für unseres.

Offensichtlich wohnen wir in einer ausländerfeindlichen Gegend, wie ich sie im letzten Post beschrieben habe. In unserem Wahllokal erhielt die Partei Sveriges Demokraterna 8,2% der Stimmen für den riksdag, 6,2% für das landsting und 7,8% für den Kommunalrat. Im Vergleich zum Wahlkreis Uppsala-Stadt (merke: hier wohnen sehr viele Ausländer, Hochgebildete etc.) ist das erschreckend viel. Dort erhieltenen Sveriges Demokraterna 3,9% für den riksdag, 3,0% für das landsting und 3,3% für den Kommunalrat und haben somit jedes Mal die 4%-Hürde nicht geschafft. Län- also bezirksweit haben sie es nur mit 4,6% für den riksdag geschafft. Da hat sich wohl die Landbevölkerung durchgesetzt.

Die meisten Stimmen erhielten Sveriges Demokraterna übrigens in den Läns Skåne Nord und Ost (11,21%), Skåne West (10,06%) und Blekinge (9,81%) und in Skåne Süd (8,72%). Diese Läns liegen übrigens alle im äußersten Süden Schwedens. Ob das gute Ergebnis der Sveriges Demokraterna wohl daran liegt, daß die Partei ursprünglich aus Dänemark kommt?

Die wenigsten Stimmen erhielt die Partei übrigens in Västerbotten-Län, dem zweitnördlichsten Län Schwedens. Dort gab es nur 2,73% der Stimmen.

Das reicht jetzt aber auch mit Politik.

Mittwoch, 22. September 2010

Das neue, politische Schweden

Heute werden die letzten Stimmen der im Ausland lebenden Schweden ausgezählt. Gleichzeitig wurde die Wahlstatistisk veröffentlicht mit Daten dazu, wer was gewählt hat. Interessant dabei ist, welche Bevölkerungsgruppen die rechtspopulistischen Sveriges Demokraterna gewählt haben:
  • mehr Männer als Frauen
  • Leute in Südschweden (Skåne und Blekinge Län)
  • Leute, die auf dem Land leben, wo ansonsten nur wenige Ausländer wohnen
  • Leute mit geringem Bildungsniveau
  • und eine kleine Gruppe streng gläubiger Christen aus dem Iran, die im südlichen Stockholmer Umland neben ihren muslimischen Landsmännern leben.
Und, was sagt uns das wohl über diese Partei? Frei nach dem Motto "Zeig mir deine Wähler und ich sag dir, welche Politik du machst."

Montag, 20. September 2010

Nach der Wahl ist vor der Wahl?

In Schweden sind die Würfel gefallen. Die Sieger vom von 2006 haben auch dieses Mal gewonnen und werden die Regierung bilden. Allerdings hat die Allians dieses Mal die absolute Mehrheit verfehlt. Stattdessen sind die rechten Sveriges Demokraterna mit 5,7% ins Parlament eingezogen und werden es künftig der Minderheitsregierung von Fredrik Reinfeldt schwer machen. Fredrik will deshalb die Koalition mit der Miljöparti, den Grünen, erweitern, die bisher jedoch die kalte Schulter zeigt.

So sieht es also in Schweden aus. Für mehr Details empfehle ich diesen Spiegel-Artikel zum Thema. Die schwedische Meinung zum Wahlergebnis ist übrigens folgende: Verunsicherung. Der Radiomoderator war heute morgen auch etwas bestürzt über die internationalen Pressestimmen, die Schweden jetzt zum ultrarechten  fremdenfeindlichen Land erklärt haben. Er meinte: "Man sollte nicht vergessen, daß 94,3% der Schweden fremdenfreundlich gewählt haben."

Sonntag, 19. September 2010

Politik in Schweden

Heute wurde schwedenweit gewählt und zwar für den Reichstag (riksdag), die Bezirksregierung (landsting) und in den Kommunen. Als nichtschwedischer EU-Bürger darf man hier für landsting und Kommunalrat und natürlich für das Europaparlament wählen. So haben auch wir unseren Wahlzettel (röstkort) sowie Briefe von allen Parteien bekommen, um uns zu informieren und im Wahllokal - bei uns die örtliche Grundschule - wählen zu können.

Grund genug, mal einen kurzen Blick auf das politische System zu werfen, auch wenn ich mich sonst nicht für Politik begeistern kann. Aber ich möchte wenigstens wissen, was sich wie ändert, wenn eine bestimmte Partei die Wahl gewinnt.

Bisher wurde Schweden von von der sogenannten Allians, einer Koalition aus der Zentrumspartei (centerpartiet), den Christdemokraten (kristdemokraterna), der Volkspartei (folkpartiet) und den Moderaten (moderaterna) unter statsminister Fredrick Reinfeldt regiert. Außer diesen vier Parteien gibt es noch 3 wichtige Parteien, die es über die 4-Prozent-Hürde geschafft haben und daher als Opposition im riksdag sitzen. Dabei handelt es sich um die Sozialdemokraten (Sveriges socialdemokratiska arbetareparti), die Umweltpartei (miljöparti) und die Linken (Vänsterpartiet). Sie sind seit 2008 eine Art Koalition eingegangen, die sich rödgröna (Rotgrüne) nennt.

Dieses Jahr hat noch eine weitere Partei die Chance, in den riksdag zu kommen: Sveriges Demokraterna, eine rechte Partei, die mit Parolen wie"Gebt uns unser Schweden zurück!" vor allem gegen die muslimischen Einwanderer gerichtet ist.

Momentan werden die Stimmen ausgezählt. Ob die Allians es erneut schafft, die absolute Mehrheit zu erreichen, hängt in diesem Jahr davon ab, wieviele Stimmen die Rechten erhalten. Es ist also eine spannende Wahl, die darüber entscheiden wird, wohin es in Zukunft mit Schweden geht.