Mittwoch, 17. Juli 2013

Sommerschweden

Wenn man mich fragt, was das Leben in Schweden am meisten bestimmt, so würde ich sagen: die Jahreszeiten. Natürlich hat auch Deutschland recht ausgeprägte Jahreszeiten. Das sollte ich in den 27 Jahren, die ich in Deutschland gelebt habe, mitbekommen haben. Doch der Unterschied zwischen Sommer und Winter ist hier in Schweden wesentlich krasser und eben so extrem, daß Schweden im Winter tatsächlich eine vollständig andere Welt ist als Schweden im Sommer.
Letzten Freitag beim Grillen mit Freunden am Mälaren.
Die Schweden selbst haben deshalb sogar eine eigene Bezeichnung für ihr Land im Sommer: sommarsverige (Sommerschweden), und dieses Wort beschreibt neben dem Wetter, der Vegetation und der Länge der Tage auch die Kultur, Ernährung, Verhalten und den Tagesablauf.

Ich habe ja bereits des Öfteren darüber berichtet, daß Schweden im Sommer so ziemlich lahmliegt, und das betrifft jeden Bereich des Lebens von der Arbeit bis zu Dienstleistungen. Selbst die Post trägt manche Wochen nur jeden zweiten Tag Briefe aus. Man sollte es einfach vergessen, irgendetwas repariert oder bearbeitet zu bekommen. Das führt nur zu Frust. Stattdessen muß man sich einfach auf einen sehr viel langsameren Takt des Alltagslebens einstellen, wenn man wie wir nicht 6 Wochen lang im Urlaub ist.

Nach fast 4 Jahren hier fange ich auch langsam an, die Schweden in ihrer Einstellung zum Sommer zu verstehen. Der Winter ist hier einfach die längste Jahreszeit. Nicht selten liegt 6 Monate lang Schnee. Dann gibt es jeweils Monate vor und nach dem Winter, in denen es noch oder schon zu kalt ist für die Vegetation, was letztendlich Mai bis September übrig läßt für Aktivitäten im Grünen und Mitte Juni bis Ende August für die Chance auf richtigen Sommer. Insofern kann ich die Sommersehnsucht und das Gefühl, der Sommer wäre zu kurz, sehr gut verstehen.

Hinzukommt die mentale Blockade, die alles betrifft, was mit Sommer zutun hat. Als Schwede hat man die Pflicht, den Sommer in vollen Zügen zu genießen, was beinhaltet, sich in sein Sommerhaus im Wald oder an der Küste zurückzuziehen, möglichst viel Sonne abzubekommen und mit den Kindern die 2monatigen Sommerferien zu genießen. 2 Wochen Urlaub, was bei uns schon viel ist, werden von meinen schwedischen Kollegen nicht mal ernstgenommen. 4 bis 6 Wochen sind normal. Diese totale Verweigerung der Wirklichkeit führt bei uns auf Arbeit dazu, daß nur noch Einwanderer in ihren Büros sitzen und zur Mittagspause alle zusammen aus allen Abteilungen an einen Tisch im Innenhof passen. Das ist mitunter sehr gemütlich und lustig. Letzten Freitag hatten wir uns mit drei Freunden zum Grillen am See verabredet. Letztendlich waren wir dann aber um die 20 sozial vernachlässigte Einwanderer, die sich zu einer spontanen Grillparty zusammenfanden :-)

Nun ja, man muß sommarsverige hinnehmen und das Beste daraus machen!

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