Neulich hatte ich in einer Sitzung der Institutsleitung ein seltsames Erlebnis. Eine Delegation der Fakultätsleitung, die sich mit Wissenschaftskommunikation beschäftigt, will im Oktober unser Institut besuchen. Zu diesem Anlass sollen sich Repräsentanten verschiedener Gruppen und Abteilungen finden, die die Delegation treffen und ihre Fragen beantworten. Ich hatte mich von meinem Abteilungsleiter breitschlagen lassen, unsere Abteilung zu vertreten, weil ich einen ganz guten Überblick über unsere Forschung habe. Im besagtem Meeting ging jedenfalls unser Institutsleiter die Namen durch, die ihm bisher als Repräsentanten vorgeschlagen worden waren. Außer mir stand nur der Leiter des Kommunikationsrates und der Austauschbeauftragte auf der Liste. Daraufhin meinte die Chefin unserer Administration nur, daß es doch wichtig wäre, wenn auch jemand dabei wäre, der die Forschung vertreten könnte. Da mußte ich dann erstmal protestieren. Ich bin schließlich in erster Linie Forscherin. Auch der Institutsleiter und die Abteilungsleiter haben für mich Partei ergriffen, zumal sie ja auch im gleichen Boot sitzen.
Auf jeden Fall hat mich die ganze Sache zum Nachdenken über die schizophrene Rollenverteilung in meinem Berufsfeld gebracht. Offiziell bin ich 60% meiner Arbeitszeit Forscherin, 20% Lehrerin und 20% Stellvertreterin des Institutsleiters, was Räume und Hausmeisterdienste angeht. Ich spiele also täglich drei verschiedene Rollen, in denen ich mich unterschiedlich wohlfühle. Meine Forscherrolle ist die natürlichste für mich. Das bin wirklich ich, auch außerhalb der Arbeitszeit. Meine Lehrerrolle habe ich mittlerweile auch ganz gut im Griff. Es macht mir mehr und mehr Freude, anderen etwas beizubringen und Studenten in ihrer Entwicklung zu betreuen. Meine neueste Rolle in der Institutsleitung hat mir sozusagen über Nacht Verantwortung für fünf Angestellte, ein größeres Budget und strategische Entscheidungen, die das ganze Institut betreffen verschafft. Es hat fast ein Jahr gedauert, bis ich mich in dieser Rolle einigermaßen daheim gefühlt habe. Nach einem Jahr mit allen drei Rollen simultan wachse ich jedenfalls langsam wieder zu einer Person zusammen.
Nichtsdestotrotz ist es so, daß die meisten in ihrem Arbeitsalltag wahrscheinlich immer nur eine Person sein müssen. Die Chefin der Administration ist wahrscheinlich immer nur in ihrer Rolle als Chefin der Administration unterwegs. Ich habe keine Ahnung, ob es in anderen Berufen eine vergleichbare Schizophrenie gibt.
Wahrscheinlich fühlen sich die meisten nur wie gespaltene Persönlichkeiten, wenn sie im Beruf und im Privatleben verschiedene Rollen spielen, Angestellter und Elternteil zum Beispiel. Das ist bei mir eher nicht der Fall, da ich mein "Forscherego" immer mit nach Hause nehme. Meine Lehrer- und meine Chefsrolle lasse ich dagegen auf Arbeit und vermeide wenn möglich, mich von ihnen am Wochenende stören zu lassen.
Puh, das ist ganz schön philisophisch geworden. Würde mich aber schon interessieren, ob Ihr auch gespaltene Persönlichkeiten seid.




