Sonntag, 19. Juni 2011

Live aus Oslo - Teil 2

Meine Arbeitskleidung beim Experimentieren.
Es ist Sonntag und ich sitze im Labor und warte, daß mein Experiment abkühlt, damit ich es ausgraben kann. Ich weiß, daß klingt ziemlich seltsam. Deshalb erkläre ich vielleicht kurz, was ich hier eigentlich mache. Als Gastwissenschaftlerin am Institut für die Physik Geologischer Prozesse führe ich sogenannte Analogexperimente durch. Man nennt sie auch Sandkastenexperimente, und schockierenderweise stelle ich gerade fest, daß es dazu keinen Eintrag bei Wikipedia gibt. Der Sinn solcher Analogexperimente ist, Prozesse, die in der Natur nicht direkt beobachtet werden können, da sie zu lange dauern, im Untergrund stattfinden oder zu groß sind, nachzubilden. Dazu werden natürliche Systeme maßstabsgetreu nachgebaut, stark vereinfacht versteht sich. Ein sehr viel eingesetztes Material dabei ist Sand, daher der Name Sandkastenexperiment. Irgendwie ist es auch ein bißchen eine Mischung aus Backen und Kindergarten. Es ist etwas, das man mit den Händen tut, schmutzig und leider beinhaltet es auch sehr viel Putzarbeit.

Der Prozess, mit dem ich mich beschäftige, ist die Bildung magmatischer Intrusionen, also Magma, das in das Umgebungsgestein eindringt und zum Beispiel Gänge bildet, die Magma an die Oberfläche transportieren, wo es in Form von Lava in einem Vulkanausbruch zum Vorschein kommen kann. In abgetragenen und ausgestorbenen Vulkanen kann man sich diese Gänge auch an der Oberfläche anschauen. In aktiven Vulkanen verursacht die Bildung solcher Gänge Erdbeben und Oberflächenhebung, was Geophysiker dann messen, um eventuell vorhersagen zu können, ob es zu einem Ausbruch kommt. Um nun aber den direkten Prozess zu verstehen, eignen sich Analogexperimente. 
Der "Sand"kasten, in dem meine Experimente laufen. Der Plexiglaskasten außenrum ist der Schutz gegen den Staub.
Für die Experimente, die ich hier in Oslo durchführe, benutze ich Quarzmehl und Kokosfett, das geschmolzen das analoge Material für Magma darstellt. Das Quarzmehl ist leider sehr staubig und verursacht, wenn man zuviel einatmet Silikose. Daher muß ich eine Maske tragen. Ansonsten sind die Experimente aber auch hochtechnisch, da der Vorgang mit einem Topographiescanner aufgezeichnet wird. Die Kalibration dauert jedes Mal ewig. Insgesamt habe ich mir bei der Einführung durch den Laborleiter 97 (!) Schritte aufgeschrieben, was ich zutun habe. Hinzukommt, daß der Laborleiter, der die Experimente und den ganzen Versuchsaufbau entwickelt hat, 1,96 m groß ist, weshalb ich bei einigen Schritten erst einmal einen Weg entwickeln muß, das mit meinen 1,63 m hinzukriegen. Ein paar Sachen sind wirklich körperlich anstrengend. Außerdem bin ich es nicht gewöhnt, so viel im Stehen zu arbeiten. Sitzen ist OK, laufen und klettern auch, aber stehen ist eine ganz andere Liga. Deshalb bin ich abends auch ziemlich erledigt.

Wenn das Experiment vorbei ist, wird das Kokosfett dann wieder fest, und ich kann die Intrusion ausgraben und ihre Form scannen. Das werd ich gleich mal machen. Insgesamt dauert so ein Experiment mit Aufbauen, Kalibrieren, Laufen lassen und Putzen ca. 4 Stunden. Mein erstes Experiment hab ich also in etwa einer Stunde geschafft. Dann werde ich noch eins machen heute. Was ein Sonntag!

Mittwoch, 15. Juni 2011

Live aus Oslo - Teil 1

Der Brunnen vorm Nationaltheater in Oslo. So wurde ich begrüßt, als ich aus der U-Bahn kam: Sonnenschein und eine Pusteblume aus Wasser.

Wie der Titel schon verrät, befinde ich mich gerade und auch für die nächsten zweieinhalb Wochen in Oslo. Ich bin als Gastforscherin am Exzellenzzentrum "Physik Geologischer Prozesse", das hier an der Universität Oslo die Verbindung zwischen Geologie und Physik darstellt. Das Ziel meiner Reise ist es, eine Reihe von Experimenten durchzuführen (Details folgen demnächst). Morgen habe ich außerdem das Vergnügen/die Ehre/die Pflicht, einen Vortrag im Seminar zu halten.

Als Gastforscherin bin ich in einer Unterkunft der Universität untergebracht, einer alten Villa mit Zimmern für Wissenschaftler, sowie gemeinsamem Bad, Küche und Aufenthaltsraum. Das Haus ist direkt auf dem Campus hier in Blindern und nur 3 Minuten zu Fuß von der Fakultät für Physik entfernt. Mein Gastgeber hat mir außerdem das Fahrrad seiner Lebensgefährtin geliehen, die es 2 Monate nach der Entbindung ihres Sohnes momentan eh noch nicht benutzen kann. Mit dem Fahrrad kann ich schnell und unkompliziert überall hinkommen. Vielleicht nehme ich mir am Wochenende auch mal ein bißchen Zeit für Sightseeing.
Blick aus dem Bürofenster auf den Holmenkollen.
Wer hätte das gedacht? In Norwegen versteht man sich auf die Kunst des Cappuccino-Machens.

So, jetzt muß ich nochmal meinen Vortrag durchgehen. Ich will mich ja morgen nicht blamieren.

Dienstag, 14. Juni 2011

Die Magie liegt im genauen Hinschauen

Hier ein paar Makrofotos aus dem Garten. Es war leider nicht so einfach, die Bilder zu fokussieren, da es sehr windig war. Trotzdem finde ich die Farben und die Details einfach wunderschön. Und mit ein wenig Nachbearbeitung wird manchmal auch aus dem einfachsten Blümchen ein faszinierendes Kunstwerk.
Butterblume.
Negatives Gewitterblümchen.
Gewitterblümchen.
Vergißmeinnicht
Infrarote Staubblätter einer Schwertlilie
Und hier nochmal in natura. Erinnert irgendwie an Korallen, finde ich.


Dienstag, 7. Juni 2011

Sommer auf dem Land

Mein Arbeitsplatz unter den Apfelbäumen im Schatten.
Juni ist ein sehr schönes Monat in Schweden. Es ist warm (letztes Wochenende durchgängig zwischen 22 und 28°C), alles ist grün und blüht und der Wind hält die Mücken fern. Da ist es doch einfach nur perfekt, mit einem Cappucchino im Schatten zu sitzen und zu lesen. Rhabarbermuffins machen sich in einer solchen Situation auch nicht schlecht, oder selbstgemachtes Zitronensorbet. Übrigens haben wir auch eine neue Marmelade entworfen dieses Wochenende: Rhabarber-Zitrone-Vanille. Sommerlich lecker!
Momentan ist alles am Blühen im Garten.

Mangold- und Radieschenplantage.

Sonntag, 5. Juni 2011

Älvkarleby: Stromschnellen, Dämme, aber keine Lachse

Das Kommunenwappen läßt es schon erahnen: hier dreht sich alles um den Lachs und den Fluß.
An einem langen Wochenende wie diesem (5 Tage dank Himmelfahrt, Brückentag und den schwedischen Nationalfeiertag am Montag) und dem herrlichen Frühsommerwetter momentan wäre es geradezu sträflich gewesen, nichts zu unternehmen. Und so haben wir uns nach eingehendem Studium unserer Touristenbücher und des Internets entschieden, zum Angeln nach Älvkarleby zu fahren.

Älvkarleby ist ein kleines Nest 110 km nordöstlich von uns fast an der Ostseeküste. Die größte Attraktion der Stadt ist der Fluß, der untere Dalälv, der Schweden in etwa von Westen nach Osten durchschneidet und angeblich Nord- von Mittelschweden trennt. Der Fluß bringt dem Örtchen Berühmtheit wegen der Lachse, die hier im Sommer von der Ostsee aus flußauswärts in die Seen zum laichen wandern. Die Lachssaison beginnt im Juni und geht in etwa bis Ende Juli. Der größte, hier gefangene Lachs woh stolze 27,97 kg. Außerdem gibt es hier auch Meerforellen, Hechte und Zander zu angeln. Ein Tagesangelschein kostet 200 SEK pro Familie. Angelausrüstung kann man, falls nicht vorhanden, ausleihen. Wir haben mittlerweile so einiges an Ausrüstung und haben uns daher nur den Angelschein geholt. Wo man wie angelt, ist in einer Karte verzeichnet. Wenn man etwas fängt, muß man den Fang wiegen und in eine Liste eintragen.

Leider konnten wir auch nach Stunden nichts zu dieser Liste beitragen. Und im Nachhinein ging es auch fast allen anderen so: Gestern wurden nur 2 Zander gefangen. Es ist wohl noch zu früh für die Lachse.

Trotzdem haben wir uns nach dem Angeln noch einen Spaziergang und ein Eis gegönnt.
Mmmmmhhh lecker: Himbeer (hallon) und Blaubeer (blåbär)!
Der Nedre Dalälven wird in Älvkarleby von der pitoresquen Carl XIII Brücke überspannt.
 Eine weitere Attraktion, die mit dem Fluß verbunden ist, ist das Stauwerk, daß die Firma vattenfall für Versuchszwecke betreibt. Einmal im Jahr, am Sonntag vor Mittsommer, werden die Luken der Staumauer geöffnet. Dann kann man sehen, welche Kraft der Fluß in seiner ursprünglichen Form hatte.
Die Staumauer, die den Dalälv zurückstaut. Gestern war sie wie an den meisten Tagen geschlossen, und das Flußbett dieses Teils des Flusses lag fast trocken in der Sonne.
Dieses Schild warnt, daß die Dammluken ohne Vorwarnung geöffnet werden.
Ein weiterer, naturbelassener Arm des Flusses mit Stromschnellen und Strudeln und allem, was dazugehört.
Dieses Schild warnt nicht etwa vor gefährlichen Heringen, auf schwedisch strömming, sondern vor der gefährlichen Strömung.

Freitag, 3. Juni 2011

Stadtbummel am Brückentag

Was macht man an einem schönen Sommertag, der noch dazu dank Brückentag frei ist, in Uppsala? Richtig, einen Stadtbummel, inklusive am Fluß in der Sonne sitzen. Hier ein paar Impressionen:

Eine von mehreren Fußgängerbrücken über den Fyrisån.
Ob der wohl ein Parkticket hat?

Am Fluß gibt es jede Menge Möglichkeiten, die Sonne zu genießen. Im Hintergrund sieht man die Domkirche.

Blutkreis-Lauf (blodomloppet)

Am Dienstag habe ich zum ersten Mal seit Schulzeiten an einem Rennen teilgenommen. Im Gegensatz zum Gehegelauf oder wie auch immer das hieß, wozu man uns damals im Sportunterricht gezwungen hat, war die Teilnahme dieses Mal freiwillig.

Die ganze Veranstaltung hieß blodomloppet (Blutkreislauf) und wird seit einigen Jahren jährlich in verschiedenen Städten Schwedens zu einem guten Zweck, nämlich um zur Blutspende aufzurufen, organisiert. Die Teilnahme kostet ein bißchen Geld, wird aber auch von mehreren Sponsoren, unter anderem von ICA, der größten Supermarktkette Skandinaviens, unterstützt. Zur Wahl stehen 10 km laufen/joggen und 5 km laufen/joggen oder auch gehen, sowie für Kinder unter 12 Jahren der "kleine Blutkreislauf" von 800 m.

Ich hatte mir mit einer Freundin von der Arbeit vorgenommen, die 5 km zu laufen. Dafür habe ich auch seit Anfang April trainiert, um sicher zu gehen, daß ich nicht gnadenlos versage. Dann kam aber die Borreliose dazwischen, weshalb auch bis zuletzt unklar war, ob ich überhaupt antreten werde. Nachdem ich die erste 10tägige Behandlung mit Antibiotika hinter mir hatte, kamen die Symptome nämlich innerhalb von nur 3 Tagen zurück. Deshalb habe ich noch ein 2. Mal Antibiotika in der doppelten Dosis bekommen, noch einmal für 10 Tage. Das hat dann auch wieder gut angeschlagen, wie schon beim ersten Mal. Störend waren nur die Nebenwirkungen: Magenschmerzen und Übelkeit. Aber immer noch besser als Borreliose. Heute ist übrigens der 4. Tag ohne Medikamente, und bisher bin ich zuversichtlich, daß ich dieses Mal kuriert worden bin.
Jedenfalls konnte ich wegen der Borreliose in den Wochen vor dem Rennen nicht trainieren. Deshalb war mein Ziel am Tag des Rennens: teilnehmen und sehen, wie es mir geht, zur Not die Strecke gehen.

Ich bin also angetreten, so wie etwa 10500 andere Uppsalienser! Der Anturm war wirklich gewaltig. 10500 Leute sind immerhin etwa 10% der Stadtbevörkerung. Es gab auch eine Menge Teams von ganz unterschiedlichen Firmen, die man dann an ihren eigens zu diesem Zweck gedruckten T-Shirts erkannt hat. Für die unterschiedlichen Strecken und Fitneßgrade gab es außerdem unterschiedliche Startzeiten, sowie davor Aufwärmrunden. Das war ganz lustig: tausende Leute machen gemeinsam Gymnasik.

Aufwärmübungen auf der Anlage des Studenternas IP (Studentensportplatz)
Meine Freundin und ich mußten uns dann ganz schön durchkämpfen, um zum Start zu kommen. Es waren einfach zu viele Leute. Das hat den Start ganz schön erschwert. Auch beim Laufen war es mit den Leuten nicht so einfach, weil man ständig überholen mußte und überholt wurde. Die Strecke an sich ist aber sehr schön: entlang von gekiesten Fahrradwegen durch Park und Waldgelände und dann zurück auf dem Fahrrad-/Spazierweg am Fluß entlang und dann ins Stadion zurück, wo der Zieleinlauf stattfand. Ich hab alles ganz gut überstanden, auch wenn es ganz schön warm war in der Sonne, vielleicht 25°C oder so.

Nach dem Ziel warteten dann verschiedene Stände: es gab eine Medaille für jeden teilnehmer, der es ins Ziel geschafft hatte (sehr schwedisch: alle gewinnen!), sowie Getränke, Bananen und ein T-Shirt. Es gab wohl auch eine Siegerehrung für die ersten jeder Kategorie. Aber das war nebensächlich. Meine Zeit war wirklich überraschend gut 30:32 so in Anbetracht meines Trainings und im Vergleich zu meinen sonstigen Zeiten. Außerdem war ich nur etwa 10 min langsamer als die Erstplatzierte, was mich insgesamt auf Platz 534 von 2601 brachte. Für meinen Mangel an Ehrgeiz in dieser Beziehung, kann ich wirklich mehr als zufrieden sein.

Mein Fazit ist also: So ein Lauf ist in erster Linie eine gute Motivation, sich zum trainieren aufzuraffen. Für einen guten Zweck war es auch, wenn mein borrelien- und antibiotikaverseuchtes Blut auch keiner gewollt hätte. Außerdem ist es ein interessantes Gefühl, etwas in einer derart großen Gemeinschaft zu tun. Meine Freundin und ich wollen jedenfalls nächstes Jahr wieder teilnehmen.