Am Freitag hatte das Warten und Vorbereiten nun ein Ende: der große Tag der Verkündung meines Doktortitels war gekommen. Und das läuft in Göttingen mit allerhand Pomp und Tradition ab.
Den Anfang bildet sie offizielle Verabschiedungsfeier der Doktoranden der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultäten in der Aula der Georgia Augusta (Georg-August-Universität), bei der dieses Mal etwa 60 Absolventen die Doktorwürde verliehen wurde. Nach kurzen Reden des Vizepräsidenten und der Dekanin der Chemie werden alle Doktoranden einzeln mit Namen und Titel der Arbeit auf die Bühne gebeten. Es wird gratuliert und man bekommt… Nein, nicht das Zeugnis! Stattdessen gibt’s einen formschönen Zettel vom Prüfungsamt und ein Heftchen mit einer Rede von Jakob Grimm (einem der Gebrüder Grimm, die ja beide auch in Göttingen studiert haben). Der Zettel enthält eine Liste von Dingen, die man tun muß, um irgendwann seine Doktorurkunde bekommen zu können. Soweit das Pflichtprogram.
Zur gleichen Zeit an anderer Stelle, nämlich in der Norduni vor meiner Fakultät: Meine Mitdoktoranden und Freunde beginnen, den Doktorwagen (einen geschmückten, zweiachsigen Anhänger mit einem Sofa oben drauf) zum Wilhelmsplatz vor die Aula zu ziehen, wo sie während der Zeremonie im Inneren auf mich warteten. Der Williplatz ist also voller wartender Menschen und bunt geschmückter Doktorwagen.
An dieser Stelle vereinen sich die Handlungsstränge, als ich die Aula verlasse. Auf der Treppe werde ich von meiner Freundin abgeholt, die mir den Doktorhut* aufsetzt.
* Doktorhut: in Göttingen basteln die Mitdoktoranden einen lustigen Doktorhut mit allerlei Krimskrams, das mit dem frisch gebackenen Doktor und seiner Arbeit zutun hat. Meiner hat obendrauf einen Vulkan mit großer Rauchwolke, einem Sandstrand (weil ich ja Sand sammle), einer Pilzwiese (weil ich im Gelände gern Pilze sammle), ein paar Lego-Katzen (für meine Raubtiere), einer Fahne, auf der steht „Stop stoping now“, und einer, auf der steht „stoping forever“ (weil meine Arbeit u.a. davon handelte und ich in der Verteidigung ziemlich intensiv dazu ausgefragt wurde). Ich finde den Hut großartig, auch wenn ich dadurch Knickohren hatte.
Ausgestattet mit dem Hut, gibt es vor dem Doktorwagen erst einmal Sekt und Gratulationen von allen, bevor es zum Gänseliesel* geht.
* Gänseliesel: Brunnen im Jugenstil mit einem kleinen Mädchen mit einem Korb und einer Gans im Arm, der seit 1909 auf dem Rathausplatz in Göttingen steht und das Wahrzeichen der Stadt ist. Durften ursprünglich alle Anfänger das Liesel küssen, wurde dieser Brauch aufgrund zu großen Andrangs verboten. Übrig geblieben ist die Tradition nur für die frisch gebackenen Doktoren.
Und damit geht auch meine Geschichte weiter. Am Gänseliesel angekommen, finde ich mich recht weit vorn in der Schlange der mit Doktorhut angetanen Doktoren. Ich erinnere mich daran, daß ich dort stehe und überlege, wo ich denn am besten an diesem Brunnen hochklettern soll. Das Küssen des Liesels ist nämlich nur die Hälfte; zuerst muß man nämlich seinen Blumenstrauß an den Brunnen stecken, ohne den Hut zu verlieren, ohne andere Sträuße runterzuwerfen und am besten zu hoch wie möglich. Da ich die ganze Sache zuvor schon mehrfach beobachtet habe, habe ich natürlich passende Schuhe angezogen, während ich auf dem Doktorwagen saß. Das Erklettern des Brunnens ist deshalb nicht so schwierig, wie ich vorher dachte. Die große Schwierigkeit ist, den Hut aufzubehalten und an die Wange des winzigen Gänseliesels heranzukommen. Sie hat eine ganz schön kühle Wange, dafür daß sie angeblich das meist geküßte Mädchen der Welt ist.
Dann geht es mit dem Wagen hoch zur Fakultät, wo die eigentliche Doktorparty startet – mit vielen Freunden, Kollegen, Familie und Würstchen… und einem zweiten Doktorhut. Tatsächlich haben meine älteste Freundin und eine andere Freundin, die gerade in Madagaskar ist, unabhängig von dem ersten, offiziellen Hut einen zweiten gebastelt mit vielen Fotos von meinen Freunden, Wegweisern und Fotos von Stationen meines Lebens und… einem Vulkan mit großer Wattewolke! Was für ein Zufall!
Zur Party gibt es nur zu sagen: Es war toll! Vor allem, daß so viele verschiedene Leute da waren: Schulfreunde, Kollegen, Freunde aus meinem Studium, meine Eltern, meine Kollegen, mein Doktorvater, Leute, mit denen ich in Chile war und mit denen ich meinen Spanischkurs gemacht habe. Das war ein würdiger Abschluß dieses Lebensabschnitts, und ich kann nur allen danken, die – teilweise von weit her - gekommen sind. Ich habe mich sehr gefreut!
P.S.: Ein großes Dankeschön an Bernhard und Micha für die Fotos!



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