Dienstag und Mittwoch waren der Mission dieser Geländekampagne gewidmet, die mir am meisten am Herzen gelegen hat. Wir waren ausgezogen, um eine verschollene Caldera zu finden. Und das war ein echtes Abenteuer.
Doch fangen wir am Anfang an. "
Was ist eigentlich eine Caldera?", mag sich der geneigte Leser fragen. Eine Caldera entsteht, wenn das Dach einer Magmakammmer in einem Vulkan einbricht und dabei ein riesiger Einsturzkessel entsteht. Oft entweicht dabei hoch explosives Magma in einem Ausbruch, dessen Eruptionssäule bis in die Stratosphäre reichen kann. Nach kurzer Zeit fällt die Eruptionssäule, die aus Lava, Gesteinsbrocken und vulkanischen Gasen besteht, wieder in sich zusammen und rast als Glutwolke über die Landschaft in der Umgebung des Vulkans. Wenn die Glutwolke dann abkühlt, entsteht ein Gestein, das Ignimbrit heißt. Bekannte Beispiele für Calderen sind übrigens
Yellowstone in den USA,
Santorin in Griechenland und
Toba in Indonesien, deren Ausbruch fast die Menschheit ausgerottet hätte.
Zurück nach Island und zur Suche nach der verschollenen Caldera. Warum eigentlich verschollen? Nun, hier in den Ostfjorden gibt es eine ganze Reihe alter, toter und ziemlich stark erodierter Vulkane, die nebenbei noch eine der schönsten Landschaften Islands geformt haben. Die alten Vulkane sind meine Lieblingsforschungsobjekte, denn sie erlauben mir, zu sehen, wie Vulkane von innen aussehen. Alles, was man hier in den toten Vulkanen lernen kann, hilft, die aktiven Vulkane, die nur ein paar Stunden Autofahrt entfernt sind, zu verstehen. Momentan sind wir im Nordosten Islands, der nur wenig erforscht ist. Viele der Fjorde sind sogar nicht einmal mehr bewohnt, weil sie so abgelegen sind und das Leben hier so hart war. Die wenigen Menschen, die hier von der Schafzucht lebten, waren teilweise 6 Monate von der Außenwelt abgeschnitten. Heute gibt es nur noch zwei bewohnte Fjorde. In einem der beiden gibt es ein winziges Dorf, in das Touristen nur ein oder zwei Tage kommen, um Papageientaucher zu sehen und zu wandern. Von hier führt eine einzige mit Geländewagen zu befahrende Straße in die sogenannten "verlassenen Fjorde". Hier gibt es nur Ruinen von alten Bauernhöfen, ein paar Wanderwege und Schutzhütten. Die alten Vulkane zu untersuchen, bedarf es oft einer Menge Lauferei und Kletterei. Und so ist es nicht völlig verwunderlich, daß es tatsächlich noch weiße Flecken auf der geologischen Karte gibt. Zum Beispiel entdeckten drei deutsche Diplomanden, die 1988 hier kartierten, eine bis zu 120 m dicke Schicht von Ignimbrit auf den Gipfeln mehrerer Berge. Doch wo dieser Ignimbrit herkam, war bis Dienstag dieser Woche ungeklärt. So riesig, wie der Ignimbrit heute noch ist - und es sind immerhin nur noch Reste davon auf den Bergen übrig -, muß es eine gigantische Eruption gegeben haben, bei der sich eine Caldera gebildet hat.
Das Problem bei der Suche ist, daß es so wahnsinnig schwer ist, in das Gebiet vorzustoßen, in dem man die Caldera vermuten könnte. Die drei Diplomanden von damals sind 7 Stunden bis in ihr Kartiergebiet gelaufen, haben dort ihr Zelt aufgebaut und in der Umgebung kartiert. Jede Woche sind sie einmal für 7 Stunden ins nächste Dorf drei Fjorde nach Norden gelaufen, haben Proviant gekauft und sind dann 7 Stunden über Berge und Täler zurück zu ihrem Gebiet gelaufen. Die Arbeit, die sie geleistet haben, ist für einen Zivilisationsmenschen von heute kaum in ihrem Wert abzuschätzen. Zum Glück sind aber auch die Bedingungen nicht mehr ganz so wie 1988.
Wie findet man also eine verschollene Caldera? Zur Vorbereitung habe ich mir schon vor Monaten alles an Informationen beschafft, die es über das Gebiet gibt. Ich habe mit dem Betreuer der drei Kartierer guten Kontakt, und wir haben viel darüber diskutiert, wo man denn suchen müßte. Google Earth ist übrigens unbezahlbar bei ei er solchen Suche. Auf jeden Fall konnte ich es dann gar nicht mehr erwarten, als wir endlich hier im Nordosten angekommen waren. Nur das Wetter mußte für 2 Tage gut sein!
Der Wetterbericht fuer Dienstag und Mittwoch klang vielversprechend, also machten wir uns am Dienstag Morgen mit dem Geländewagen auf den Weg in den suedlichsten der verlassenen Fjorde. Nach zweieinhalb Stunden Fahrt stellten wir das Auto an der Schutzhuette ab, die Wanderern als Unterkuft dient. dann ging es zu Fuss weiter ein Tal hinauf, in dem es keine Pfade mehr gibt, immer auf den Berg zu, in dem ich die Caldera vermutete. Nach drei Stunden ständigem Bergaufgehen, dem Ueberqueren von drei Fluessen und einigem Gekletter mit schweren Rucksäcken, fanden wir einen Platz unterhalb des Berges, den wir uns anschauen wollten, an dem wir unser Zelt aufbauten. Dann ging esmit etwas leichterem Gepäck weiter hinauf an den Fuss des vermeindlichen Calderaberges. Und anderthalb Stunden später standen wir endlich vor ihr, der verschollenen Caldera!
Die Sonne stand schon ziemlich niedrig, aber es war trotzdem klar, dass dort einmal eine gewaltige Eruption stattgefunden hatte. Ich erspare Euch die Details, aber es war eindeutig der Ursprung des riesigen Ignimbrits, den die Diplomanden vor 25 Jahren gefunden hatten!
Gluecklich ueber die Entdeckung, ging es zurueck zum Zelt, wo es zur Feier des Tages ein leckeres Fertiggericht gab. Leider zogen ganz plötzlich Wolken auf, ein kalter Wind blies vom Berg herunter und es gan sogar einen Regenschauer. Es war also fraglich, ob wir unseren Plan, am nächsten Tag den Calderaberg von der anderen Seite zu untersuchen, am nächsten Tag in die Tat umsetzen konnten oder ob wir den gleichen Weg, den wir gekommen waren, wieder zuruekgehen mussten. Am nächsten Morgen, als ich die Zeltklappe aufmachte, war ich also auf alles gefasst - Nebel, Wolken? Doch zum Glueck schien die Sonne und kam langsam herum in unser Tal. Zum Fruehstueck gab es dann Instantcappucchino, den mein Chef uns in einem kleinen Ueberlebenspaket eingepackt hatte.
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| Ein leckerer Cappucchino an einem der schönsten Orte, an denen ich je gezeltet habe. |
So gestärkt konnte es weiter gehen, mit komplettem Gepäck und einigen Gesteinsproben, die wir am Abend zuvor mitgenommen hatten. Es ging immer weiter nach oben und um den Calderaberg herum. Was mich nämlich immernoch wunderte, war die Grösse der Caldera. Denn ein so gewaltiger Ausbruch sollte eigentlich eine viel grössere Caldera hinterlassen. Erst nachdem wir am höchsten Punkt unserer Wanderung angekommen waren und den Berg fast völlig umrundet hatten, wurde klar, dass die Caldera tatsächlich viel grösser war als nur der eine Berg. Tatsächlich tronte ueber uns eine kilometerlange senkrechte Wand aus Ignimbrit, die wahrscheinlich das Calderainnere fuellte, bevor grosse Teile des Vulkans abgetragen wurden. Die nächsten Kilometer gingen wir ueber ausgedehnte Schneefelder unterhalb der Ignimbritwand entlang. Dabei dachte ich die ganze Zeit darueber nach, warum vor uns noch niemand diese riesige Caldera gefunden hatte. Wahrscheinlich liegt es daran, dass sie hoch oben ueber einer Hochfläche tront, von der aus man in etwa 5 bis 6 Stunden bis zur nächsten Strasse laufen laufen kann. Von der anderen Seite, also vom Fjord aus, ist die Caldera dagegen kaum zu sehen, weil sie so weit oben liegt.
Leider enden Abenteuer wie dieses nie auf dem Höhepunkt der Entdeckung. Im wirklichen Leben muss man immer noch stundenlang ueber Schneefelder, durch eiskalte Fluesse, Klippen hinunter, durch sumpfige Wiesen und eiskalte Fluesse laufen - und die Fluesse unterhalb der Schneefelder sind so kalt, dass einem schon nach wenigen Schritten Fuesse und Beine so wehtun, dass man am liebsten schnell ans andere Ufer rennen möchte. Doch weil die Wasserströmung so stark ist, darf man sich nur ganz langsam und Schritt fuer Schritt vortasten. Erst wenn die Fuesse wieder trocken sind und in warmen Socken und Wanderschuhen stecken und zu kribbeln beginnen, denkt man, dass sich der Schmerz fast gelohnt hat.
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| Fuesse trocknen vor dem Abstieg ins Tal. |
Insgesamt haben wir an den zwei Tagen fast 2000 Höhenmeter bergauf und mehr als 31 km zu Fuss durch die weglose Wildnis zurueckgelegt. Zur Belohnung gab es eine bisher unentdeckte Caldera. Wenn man bedenkt, dass die meisten Vulkane der Welt bekannt sind, ist es eine einmalige Erfahrung, eine solche Entdeckung zu machen. Diese ist also wahrscheinlich meine erste und letzte selbst entdeckte Caldera!